Zerstörung und Schöpfung
11.06.2015

Das Wort Zerstörung weckt negative Assoziationen. Man denkt an Krieg, Tod, Verderben. Aber Zerstörung hat auch sein Gutes. Nicht nur in der Abwehr von Bedrohungen im Sinne von „macht kaputt, was euch kaputt macht“, sondern auch darin, dass jede Schöpfung, jedes Schaffen Zerstörung voraussetzt.

Erfahrungen von Zerstörung, von Auflösung ins Chaotische sind elementar. Deshalb ist es auch das zentrale Thema in Mythen und Religionen. Die Menschen versuchten durch Ritual und Opfer den Kampf der Götter unterstützen, die kosmische Ordnung aufrecht zu erhalten. Altägyptische Gottheiten vertraten einerseits Tod und Verderben, hatten aber auch andererseits sanfte, das Leben bewahrende Seiten. Im Hinduismus steht Shiva für das Zerstörerische. Er löst auf, um einen Neuanfang zu ermöglichen. Auch der alttestamentarische Gott ist ein Zerstörer: er vernichtet Sodom und Gomorrha und schickt die Sintflut.

Religionen versuchen, die Gegensätze von Chaos und Ordnung, von Zerstörung und Schöpfung zu vermitteln. Manche Religion bemüht sich, das Zerstörerische einzudämmen, wie die uralte indische Religion des Jainismus. Die dem Buddhismus nah verwandte Religion setzt sich für Gewaltlosigkeit und für Vegetarismus ein. Nach jainistischer Ethik soll kein Lebewesen verletzt werden, so dass sich Jainas ausschließlich so ernähren, dass weder Tiere noch Pflanzen dafür sterben müssen. Die Anhänger dieser Religion, die in hohem Maße Gewaltlosigkeit anstrebt, suchen es zu vermeiden, auch nur kleinste Lebewesen zu töten (z.B. durch einen Mundschutz, um nicht versehentlich ein Insekt zu verschlucken). Aber letztendlich ist es für einen lebenden Organismus vergeblich, der Zerstörung ausweichen zu wollen.

Aus heutiger naturwissenschaftlicher Sicht sind Lebewesen organisierte Systeme, die wenig Chaos, Unordnung - physikalisch gesprochen: Entropie -  enthalten. Sie erhalten ihre eigene Ordnung aufrecht, indem sie ihre Umgebung durch die Nahrungsaufnahme in größere Unordnung versetzen. Leben ist nur möglich durch Zerstörung anderer Lebewesen oder durch Zerstörung anderer anorganischer Ordnung.

In der Kunst gewinnt der Aspekt der Zerstörung im Futurismus besondere Bedeutung, einer avantgardistischen Kunstbewegung, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Kultur neu begründen will. „Schönheit gibt es nur noch im Kampf. Ein Werk ohne aggressiven Charakter kann kein Meisterwerk sein“, heißt es im Gründungsmanifest. Die Futuristen brechen mit allem, was sie als veraltetet und als traditionell empfinden, verherrlichen die Moderne, den Krieg und den Massenmenschen. Sie beeinflussen andere Kunstbewegungen in Europa wie den Expressionismus, den Konstruktivismus, Dada und den Surrealismus. In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts erhält das Zerstörerische in der Kunst noch einmal in der Fluxus-Bewegung besondere Aufmerksamkeit, etwa bei Wolf Vostells Décollagen oder bei Yoko Onos Performance „Cut Piece“ auf dem Destruction in Art Symposium 1966 in London. „In der Moderne entsteht das Werkschaffen durch Zerstörung und Zertrümmerung, d.h. das zerstörerische Tun wird von vornherein als schöpferisch ausgewiesen, um die Grenzen zu demonstrieren, innerhalb derer alle Überlegungen bleiben müssen.“ (Bazon Brock).

Diesen Entwicklungen liegt die Erkenntnis zugrunde, dass menschliches Schaffen immer Zerstörung voraussetzt. Das Hervorbringen des Neuen macht die Auflösung bekannter Formen, bekannter Arbeitsweisen nötig. Friedrich Nietzsche hat diese Erkenntnis formuliert:

„Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. [...] Und wer ein Schöpfer sein muss im Guten und Bösen: Wahrlich, der muss ein Vernichter erst sein und Werte zerbrechen. Also gehört das höchste Böse zur höchsten Güte: Diese aber ist die Schöpferische.“ (Also sprach Zarathustra)
Der Begriff der Schöpferischen Zerstörung ist auch in zahlreichen anderen Bereichen aufgenommen worden, z.B. in den Wirtschaftswissenschaften (Karl Marx, Josef Schumpeter).

Psychologisch steht Kreativität im Spannungsfeld von Schöpfung und Zerstörung, von Ordnung und Chaos, von Konstruktion und Dekonstruktion. Der Heidelberger Psychotherapeut und Kreativitätsforscher Rainer Holm-Hadulla findet in Goethes „Faust“ den Kampf zwischen Schöpfung und Zerstörung, Kosmos und Chaos auf eine besondere Weise verdichtet. In der Tragödie geht es um die Grenzen menschlicher Kreativität. Goethe sei für die moderne Kreativitätsforschung einzigartig, meint Holm-Hadulla. Der Dichter habe depressive Episoden aus eigener Erfahrung gekannt und in diesen Krisenzeiten sein kreatives Talent genutzt, um besondere Inspiration daraus zu schöpfen.

Andere Künstler sind in der Annäherung ans Zerstörerische zerbrochen. Wie Jim Morrison, Sänger der Doors, der sich an Abgründe und Grenzerfahrungen heranwagte, und diese Erfahrungen zunächst in Songtexten und mit einer ausdrucksstarken Stimme kreativ verarbeiten konnte. Seine Depressionen und Ängste holten ihn aber immer wieder ein. Er versuchte, seine Gefühle mit Alkohol und Drogen zu beeinflussen. Aber schließlich schaffte er es immer weniger, die kreativen Spannungen auszuhalten, und war nicht mehr fähig, seine Einfälle auszuarbeiten und umzusetzen.

Ein Schaffen ohne Zerstörung findet sich nur in der Idee eines göttlichen Schöpfers, der aus dem Nichts schöpft (Creatio ex nihilo). Für uns Sterbliche bleibt die Notwendigkeit, mit jedem Atemzug, mit jedem Schritt zu zerstören, um am Leben zu bleiben.