Für einen progressiven Heimatbegriff
25.04.2018

Konservative und Reaktionäre versuchten schon immer, die Deutungsgewalt über das Heimatliche zu erlangen und Heimat zum Kampfbegriff zu machen. Aber der Begriff ist mehrdeutig und kann progressiv ausgelegt werden.

Alle reden über Heimat

Staunend sehen wir, wie dem Heimat-Begriff ein Riesen-Comeback beschert wird. Frank-Walter Steinmeier spricht von der „Sehnsucht nach Heimat - nach Sicherheit, nach Entschleunigung, nach Zusammenhalt “. Katrin Göring-Eckardt meint: „Wir lieben dieses Land, das ist unsere Heimat, und diese Heimat spaltet man nicht.“ Und Robert Habeck will Heimat als „Heimatidee“ oder „Identitätsidee“ formulieren. Der Begriff der „Heimat“ wird gar durch die Etablierung von Heimatministerien geadelt. Dabei galt er lange als altmodisch und rückwärtsgewandt. Aber das Rückwärtsgewandte scheint immer noch zu dominieren. Im März trafen sich 520 Mitglieder nordrhein-westfälischer Heimatvereine zum ersten Heimatkongress in Münster, zu dem NRW-Heimatministerin Ina Scharrenbach eingeladen hatte. Als prominenter Heimatbotschafter trat Schlagersänger Heino auf und überreichte der Ministerin eine ältere Vinylscheibe "Die schönsten deutschen Heimat- und Vaterlandslieder" aus eigener Produktion. Darauf deutschtümelnde Lieder mit martialischen Texten, die sich im Liederbuch der nationalsozialistischen SS wiederfinden. 

Zwischen heiler Welt und unerträglicher Zumutung

Schon seit langem versucht die sich volkstümlich gebende Schlagermusik, wie sie etwa im Musikantenstadl präsentiert wird, das Heimat-Feld zu besetzen, und feiert in süßer Sentimentalität ein verlogenes Heimatverständnis, das losgelöst von der wirklichen Welt ist. Diese Musikform ist ein Paradebeispiel für eine retrospektive Orientierung, die das Ungewöhnliche, Neue, Unbekannte meidet und sich in eine falsche Idylle wohlig einbettet. Über das bereits Bekannte hinaus möchte sie dem Zuhörer nichts zumuten. Die gleichen Charakteristika finden sich in den kitschigen Heimatfilmen der Nachkriegszeit in den 1950er Jahren. Zipfelmützig offenbart sich hier eine kleinbürgerliche, spießige Beschränktheit. Heimat erscheint darin als heile Welt, als der Ort einer unbeschwerten Kindheit, als überschaubarer Ort, an dem das Elternhaus steht, wo man sich wohlfühlt und Halt und Orientierung findet; Heimat funktioniert so als identitätssichernde Einbindung in beruhigend Vertrautes.

Heimat kann aber auch ganz anders erfahren werden: als Ausgeliefertsein an erdrückende Traditionen, als engstirnige und unerträgliche Zumutung, der das Individuum vergeblich zu entkommen sucht. Im zweiten Teil der Heimat-Trilogie des Regisseurs Edgar Reitz „Die zweite Heimat - Chronik einer Jugend“ entflieht der Protagonist Hermann Simon der Enge des Heimatdorfs nach München, wo er am Konservatorium Komposition studiert und in der künstlerischen Avantgarde der 1960er Jahre eine neue Heimat findet. Die hier angesprochenen negativen Aspekte von Heimat als einem Ort, an dem sich das Individuum nicht entfalten kann, werden oft ausgelassen. Vielleicht ist es das Leben in verdichteten Großstädten, das ein verklärtes nostalgisches Bild von Heimat malt, das Erinnerung an etwas verloren Geglaubtes thematisiert.

Erstaunlich ist es schon, dass der Heimat-Begriff heute solch ein Comeback erfährt; es könnte Symptom einer kollektiven Entwurzelung in einer technischen Moderne sein, in der der reale gesellschaftliche Zusammenhalt trotz sozialer Medien sich immer weiter auflöst. Viele Menschen erleben, dass sich ihre vertraute Umgebung verändert oder dass sie ihre gewohnte Welt aufgeben müssen. Sie erleben, dass sie keinerlei Einfluss mehr auf den Wandel ihrer Umwelt haben, und fühlen sich sich zunehmend verloren, heimatlos.

Heimat als Flucht in die Vergangenheit und Ausgrenzung

„Heimat“ kann zu einem Fluchtort vor den Herausforderungen und Zumutungen der modernen Welt werden, zum Ort einer irrealen, rückwärtsgewandten Sehnsucht. Aber der Rückzug in ein imaginiertes Heimischsein einer Gartenzwergkultur, der das Gemüt künstlich beruhigt, ein solcher Rückzug hindert Menschen daran, sich eine reale Heimat erst zu erschaffen und führt letztlich nicht zu einer echten Zufriedenheit. Diesen Widerspruch hat schon Jean Paul im Biedermeier zu Beginn des 19. Jahrhunderts anhand der Bilder von Franz Carl Spitzweg beschrieben: „Solche wunderlich versponnene Intimsphäre zeigt freilich nicht nur die Züge des Schrebergartenparadieses; manche dieser Genrebilder verraten auch den Überdruß am kleinen, bescheidenen Dasein; die skurrilen Sonderlinge und Hagestolze, die in der Zelle ihrer Bescheidenheit eingesperrten Spießbürger leiden vergrämt darunter, dass sie den Schlafrock nie ausziehen können. Der Weg in die Freiheit ist durch die eigene Unzulänglichkeit und durch die Ungunst der Verhältnisse verlegt.“

Kulturhistoriker Hermann Glaser kommentiert derartige Fluchtbewegungen in eine geträumte Heimat 1969 in seiner „Kleinstadt-Ideologie“ : „Wenn die Sehnsucht für Wirklichkeit genommen, die Schwermut verdrängt und die Heiterkeit mit Saturiertheit verwechselt wird, wenn man im Kuhglück der Oberflächlichkeit nichts mehr von Tod und Gefährdung weiß, dann degeneriert die Idylle zu Krähwinkel: das Nest wird muffig, und die Seligkeit blöde.“

Was das Schlimme daran ist: schon immer wurden solche eskapistischen Träumereien politisch instrumentalisiert. Vom Deutschen Kaiserreich bis zur Weimarer Republik waren es noch Heimatschutzbewegung und „Vaterlandsliebe“. Die nationalsozialistische Blut-und-Boden-Ideologie knüpfte an derartige Heimatbegrifflichkeiten an, die durch ein „Wir gegen die Anderen“ geprägt waren. Heute findet sich wieder ein reaktionärer ideologischer Heimatbegriff, der auf Ausgrenzung baut und Alltagsrassismus und völkische Überlegenheitsfantasien salonfähig zu machen sucht. Solch ein ideologischer Heimatbegriff grenzt seinen Blick auf die eigene kleine Welt ein. Die Distanzierung vom Geschehen in der Welt birgt aber immer die Gefahr, die eigene Ruhe über alles zu stellen und empathielos zu werden. „Wer die Welt Welt sein läßt, und seine Innerlichkeit wie Rosen pflegt, der verliert auch den Blick für das Leid der anderen" (Hermann Glaser). So wird Heimat als heile Welt zugleich zum Abgrund anderer, die ausgegrenzt werden; die Geschichte des Nationalsozialismus zeigt, dass Maßlose Brutalität mit Herdglück, Sadismus mit Tierliebe verbunden sein kann. „Neben den rauchenden Krematorien von Auschwitz pflegte der Lagerkommandant Höß im trauten Familienkreis sein Gärtchen“ (Hermann Glaser).

Heimat als Weg in die Zukunft

Man sollte den Heimatbegriff nicht den Konservativen und Reaktionären überlassen. Heimat kann als Bedürfnis nach Sicherheit und Zugehörigkeit anstatt als kulturelle Ausgrenzung gedacht werden: Sozialstaat statt Nationalstaat. Heimat kann auch verstanden werden als zeitweilige bewusste Begrenzung der Aufmerksamkeit, ohne die Welt aus dem Blick zu verlieren. Dann ist Heimat der Ort, an dem man sicher und geborgen ist, an dem man Kraft tanken kann, die man für die tägliche Arbeit und den Kampf für eine bessere Welt benötigt. Wirkliche Heimat ist nie statisch einfach da, sondern muss immer neu geschaffen, gewonnen werden. Insofern ist Heimat nie fertig, sondern ein Ort, „worin noch niemand war“ (Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung).

Es gilt zu unterscheiden, wo eine echte und wo eine falsche Vorstellung von Heimat propagiert wird. Wunschvorstellungen oder Tagträume sind dabei nicht zu verurteilen, sondern sogar für die humane Selbstverwirklichung notwendig; „zugleich ist aber das Bewußtsein zu schärfen, daß es sich eben um Tagträume und nicht um Wirklichkeit handelt, daß solche Träume zwar konkrete Utopie, progressive Hoffnung sind, jedoch nicht das Leben darstellen können“ (Ernst Bloch). So verstanden ist Heimat nichts Rückwärtsgewandtes, sondern etwas noch Unvollkommenes, etwas Zukünftiges.


Literatur:
Herrmann Glaser: Kleinstadt-Ideologie. Zwischen Furchenglück und Sphärenflug. Freiburg im Breisgau 1969
Jean Paul: Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch, Frankfurt a.M. 1975
Jean Paul: Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz. Eine Art Idylle. Frankfurt a.M. 1984
Link:

Illustration für die Heimat als Spießer-Idyll:
A. Paul Weber „Der letzte Privatier“, 1956
Quelle: A. Paul Weber – Museum
http://www.weber-museum.de/werk/geskrt/