Die Blasphemie der Geheimdienste. NSA & Co spielen Gott.
05.01.2017

Geheime Dienste der USA behaupten eine Verschwörung. Russische Hacker hätten die Präsidentschaftswahlen in den USA beeinflusst und Wladimir Putin stecke persönlich dahinter. Es gibt jedoch keinen einzigen öffentlich überprüfbaren Beleg für diese Behauptung. "Damit ist es letztlich weiterhin eine Glaubensfrage, ob man davon überzeugt ist, dass Russland hinter den Wikileaks-Enthüllungen steckt." (n-tv 07.01.2017) Allerdings: Beweise haben Geheimdienste der USA und anderer Staaten auch in der Vergangenheit nie benötigt. Sie verlangen von ihren Bürgern, ihnen blindlinks zu vertrauen, ihnen ohne Beweise zu glauben. Das Prinzip eines Geheimdienstes lautet, von den Bürgern Vertrauen einzufordern, ihnen gleichzeitig zu misstrauen und sie zu überwachen. Das Verhältnis von Bürgern zu Geheimdiensten gleicht damit dem Verhältnis von Gläubigen zu Gott in der Religion.

2013 waren es die US-amerikanische Hacker der NSA, die es auf deutsche Bürger abgesehen hatten und auf das Handy der Bundeskanzlerin Angela Merkel. Als die NSA-Spionageaffäre damals in Europa hochkochte, forderte die EU-Kommission von den USA vertrauensbildende Maßnahmen. Möglicherweise war das nicht ganz ernst gemeint. Trotzdem provoziert diese Angelegenheit, darüber nachzudenken, was es mit Vertrauensverhältnissen so auf sich hat. Denn Vertrauen bestimmt das soziale Leben, es ist eine wesentliche Lebensgrundlage für ein Miteinander. Misstrauen zerstört dagegen das Soziale.

Vertrauensbildende Maßnahmen

Um ein vertrauensvolles Verhältnis zu erreichen, müssen Menschen aufeinander zugehen. Eine Person tritt dabei einseitig in Vorleistung und nimmt die Aussagen ihres Gegenübers erst einmal als wahr an. Im weiteren Verlauf wird sie natürlich prüfen, ob sich die Vermutung, die Gegenseite verhalte sich wahrhaftig, auch bestätigt. Wenn dies gelingt, ist das Vertrauen gerechtfertigt. Dieser rationale Akt beseitigt Unsicherheit und schafft eine verbindliche gegenseitige Bindung und Verbindlichkeit. Kann ein solches Vertrauensverhältnis zwischen Bürgern und einer Geheimbehörde entstehen? Wohl kaum. Weil sich kein Geheimdienst in die Karten schauen lässt.

Trotzdem verlangen Geheimdienste von ihren Bürgern, ihnen zu vertrauen. Wie das? Es dämmert einem schon bald, dass es sich dabei um eine andere Art von Vertrauen handeln muss. Um ein Vertrauen, das nichts mit Rationalität zu tun hat, sondern um ein Vertrauen, wie es ein unselbständiges Kind seinen Eltern entgegenbringt. Eine Art von Vertrauen, wie sie auch in Religionen zu finden ist. Menschen, die durch entfesselte Mächte der Natur, durch Katastrophen in Angst und Schrecken versetzt werden, haben in den Religionen einen Weg gefunden, mit der Angst umzugehen. Sie identifizieren die Urheber der furchtbaren Ereignisse als Götter, die zornig und auch willkürlich handeln. Denn die Angst sucht ein gegenüberstehendes Subjekt, das vielleicht doch nicht ganz ungerührt auf die Not der Menschen schaut und Erbarmen kennt.

Naturvorgänge  werden somit im Lichte der sozialen Intelligenz interpretiert und versubjektiviert, anstatt durch Kausalzusammenhänge erklärt zu werden. Stammesgeschichtlich ist die soziale Intelligenz schon früh ausgebildet, wie man das etwa bei heutigen Menschenaffen beobachten kann, während die technische Intelligenz gering ist und sich erst im Laufe der Menschheitsentwicklung etablieren konnte. So kommt es, dass auch heutige Menschen Naturerscheinungen gerne anthropomorph interpretieren als Handlung von Göttern.

Angesichts erschreckender Naturkatastrophen begab sich der archaische Mensch unterwürfig in die Hände dieser Götter, vertraute ihnen und gewannen ein Gefühl, als Ohnmächtiger von diesen Allmächtigen angenommen zu werden. Ein solches religiöses Vertrauen ist damit einseitig.

„Ihr werdet sein wie Gott“ (Gen 3,5)

Die NSA hat sich heutzutage zu einer wichtigen Wissensinstanz entwickelt, wenn nicht gar zur mächtigsten. Das Utah Data Center der NSA soll Daten in der Größenordnung von einem Yottabyte (eine Billion Terabytes) vorhalten können. In dem Komplex soll der Datenfluss aller Länder der Erde gesammelt und ausgewertet werden. Die Tätigkeit der NSA untersteht zudem keiner parlamentarischen Kontrolle und steht außerhalb von Exekutive, Legislative und Judikative. Es bedürfte einer Änderung der US-Verfassung, um das zu ändern.

In den USA ist das Politikverständnis ohnehin stark religiös geprägt. Da wundert es nicht, dass die Geheimbehörden von ihren Bürgern verlangen, ihnen so zu vertrauen, wie es in der Religion der Gottheit gegenüber üblich ist. Die übermächtige allwissende NSA erreicht dadurch einen quasireligiösen Status und etabliert sich als digitaler (aber auch analoger) Gott, der sein allsehendes Auge auf die Welt hat.

„Ich bin aber nicht schuldig“, sagte K., „es ist ein Irrtum.“

Umgekehrt besteht kein Vertrauensverhältnis. Die Geheimbehörde misstraut allen Menschen grundsätzlich. Entweder gibt sich der überwachte Mensch nun dem Gefühl hin, er habe nichts zu verbergen und bliebe unbehelligt, so dass nur Schurken oder Terroristen eliminiert würden und ihm selbst ein friedliches Leben beschert sei. Oder er begegnet der unheimlichen Geheimbehörde mit Skepsis. Dann findet er sich in der Rolle des Josef K. im Roman „Der Prozeß“ von Franz Kafka wieder. Nimmt er den Kampf gegen die NSA auf, gerät er erst recht ins Visier der Geheimbehörde. Verschlüsselt er seine Kommunikation, macht er sich erst recht verdächtig. Die Überwachung ist ein nie endender Prozess, die Anklage immer präsent.

„Wer ist wie Gott?“ - Vertrauensstörende Maßnahmen der Aufklärung

Aber die NSA ist eine unvollkommene Gottheit. Vielleicht ein Götze, und ein solcher kann vom Sockel gestoßen werden. Systeme der Überwachung fordern immer wieder den Widerstand einzelner Mitarbeiter heraus, die vertrauensstörende Maßnahmen ergreifen, wie die Beispiele von Whistleblowern wie Edward Snowdon, William Binney oder Thomas Drake zeigen: Menschen, die für Aufklärung sorgen. Das lässt hoffen.