Wo sich der Geist versteckt
(2006)

Eine internationale Forschergruppe um die Tübinger Ärzte Tilo Kircher und Mathias Bartels hat erstmals das neuronale Korrelat der Selbst-Erkennung entdeckt. Versuchspersonen wurden Bilder des eigenen Gesichts und Bilder des Gesichts anderer Personen gezeigt und dabei die lokale neuronale Aktivität mit funktioneller Kernspintomographie gemessen.

Bei der Betrachtung des eignen Gesichtes waren weite Teile des rechts-hemisphärischen limbischen Systems und der linke Frontallappen aktiviert, bei der Betrachtung anderer Gesichter dagegen lediglich ein kleines Areal in der rechten Gehirnhälfte. Die Wissenschaftler ziehen den Schluss: 

"Die Untersuchungen konnten bisher erstmalig zeigen, dass ‚Selbst-Bewusstsein' mit naturwissenschaftlichen Methoden erforschbar ist."

Übernehmen damit nun die Gehirnphysiologen das Arbeitsfeld der Philosophen? Hat die Philosophie noch ihre Berechtigung als Wissenschaft, die sich mit dem Denken befasst? Was haben die Tübinger Wissenschaftler erforscht? Gehirnphysiologische Vorgänge. Sind diese gleichzusetzen mit dem Selbstbewusstsein? Fragen des Leib-Seele-Problems bzw. des Gehirn-Geist-Problems sind nicht neu. René Descartes sah im 17. Jahrhundert den Ort der Seele in der Zirbeldrüse. 1795 erklärte der Physiologe Samuel Thomas Sömmerring ("Über das Organ der Seele") die Hirnventrikelflüssigkeit zum Sitz der Seele.

Wenn man von der Aussage ausgeht: "Dieser Gedanke ist durch einen Gehirnvorgang erzeugt", stürzt man in eine Paradoxie: Dieser Gedanke jetzt, dass alles Denken, eben auch dieses, ein Gehirnprodukt sei, dieser Gedanke soll ein Produkt dessen sein, was er denkt: dieses Organs hier im Schädel? Ludwig Wittgenstein schrieb angesichts solcher Überlegungen: "Schwindel erfasst mich", denn wer enthält hier wen, der objektive Ursprung der gehirnphysiologischen Vorgänge den Gedanken oder der Gedanke den objektiven Ursprung? Für Wittgenstein ergibt sich ein "Gefühl der unüberbrückbaren Kluft zwischen Bewusstsein und Gehirnvorgang".

Ein Philosoph unserer Tage, Günter Schulte, will die Philosophie rehabilitieren: "Das Objektive ist nur eine Seite der Welt; ich selbst bin auf der anderen." Der Grund des Schwindelgefühl, von dem Wittgenstein schrieb, ist das Selbstbewusstsein. Es ist der negative Selbstbezug. Wenn ich Objektivität denke, dann sehe ich von mir ab, dann denke ich, dass die Welt außer mir auch unabhängig von mir so ist, wie sie ist. Damit denke ich meinen eigenen Tod und daher das Schwindelgefühl. Günter Schulte plädiert: Gehirnvorgang und Geist sind parallel aber nicht identisch. 

"Die Philosophie ist womöglich von Anfang an ein Aufruf gegen die mit dem Selbstbewusstsein unvereinbare platte Identität von Bewusstsein von Gehirnvorgang und damit gegen die Idiotie oder Eindimensionalität, die aus der Identifizierung mit dem Körper kommt."

Gehirnphysiologische Vorgänge sind Ereignisse der Welt, von äußeren Sinneswahrnehmungen. Was diese bedeuten, wie sie erlebt werden, ist nur mit dem inneren Sinn selbst zu erfahren. Und hier beginnt nach Schulte die Philosophie: im "Staunen darüber, dass die Welt ist und statt ihrer nicht nichts ist, dass ich bin und nicht nicht bin, dass mit mir die Welt da ist, so dass ohne mich nichts ist."

Die Naturwissenschaften können hier keine Antworten geben. Und die Philosophie? "Diese Fragen dürfen überhaupt nicht beantwortet werden", meint Günter Schulte.

"Wir sollten begreifen, dass es Fragen gibt, deren ganzer Sinn darin besteht, keine Antwort zu dulden, weil Antworten sie töten. Wir bedürfen ihrer Ungewissheit, um geistig lebendig zu bleiben."

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