Im Anfang war das Wort - am Ende bleibt nur die Schrift. Vom Verstummen Gottes 
30.09.2013

Im Anfang war das Wort 
und das Wort war bei Gott, 
und das Wort war Gott. 
Im Anfang war es bei Gott. 
Alles ist durch das Wort geworden
und ohne das Wort wurde nichts,
was geworden ist. 
(Johannesevangelium)

In zahlreichen Textstellen des Alten Testaments spricht Gott zu den Menschen und leitet ihr Handeln an. Aber irgendwann verstummt Gottes Stimme, und nur noch die Propheten sind fähig, Gottes Wort zu hören. Im letzten Stadium existieren auch keine Propheten mehr, und das Wort Gottes liegt nur in schriftlicher Überlieferung vor, als Offenbarung, auf die sich Judentum, Christentum und Islam stützen.

Wenn heute Gläubige davon reden, Gott spreche zu ihnen, meinen sie das entweder in metaphorischem Sinn (Gott spricht durch alltägliche Dinge, durch Zeichen) oder sie meinen die schriftliche Überlieferung, die Offenbarung. Wenige (z.B. Pfingst- und Charismatische Bewegung) behaupten, dass auch heute Gott direkt zu den Menschen (bzw. zu einzelnen Propheten) spreche. Papst Franziskus hat kürzlich Kritik an einer Sehnsucht nach spektakulären Wundern und neuen Offenbarungen Gottes geübt. Nach seinen Worten ist die Zeit der Offenbarungen mit dem Neuen Testament abgeschlossen.
Was hat es mit dem Verstummen Gottes auf sich? Warum hat sich Gott schweigend in den Himmel zurückgezogen?

Wandlung des menschlichen Geistes vor 3.000 Jahren

Wie sind die Texte der biblischen alttestamentarischen Überlieferungen auszulegen? In einer psychologischen und kulturanthropologischen Auslegung kann im Sprechen Gottes zu den Menschen und im dann folgenden Verstummen Gottes eine Veränderung im menschlichen Geist gesehen werden, die vor zirka 3.000 Jahren einsetzte.

Der US-amerikanische Psychologe Julian Jaynes versuchte in seinem 1976 erschienenen und kontrovers diskutierten Buch "The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind" die Entwicklung der menschlichen Psyche im Verlauf der Menschheitsgeschichte zu rekonstruieren. Nach seiner Theorie besaßen die Menschen vor 3.000 Jahren und vorher eine nur affektive Psyche ohne eigentliches reflexives Selbstbewusstsein. Diesen Bewusstseinszustand nennt Jaynes "bikamerales Bewusstsein" und erklärt das auch neurophysiologisch: linke und rechte Gehirnhälfte waren nach seiner Theorie nicht so intensiv miteinander verbunden und synchronisiert, wie das bei heutigen Menschen der Fall ist. Wie Kinder vor dem 3. bis 5. Lebensjahr fehlte ihnen ein Bewusstsein von sich selbst. Ihr "bikameraler", d.h. in zwei Kammern geteilter Geist bestand aus einem ausführenden und einem befehlenden Teil. In Krisenzeiten, unter Stress, wenn eine Situation eine Entscheidung erforderte, "halluzinierte" die ausführende linke Gehirnhälfte die Stimmen von Göttern, die ihnen sagten, was zu tun sei. Die Stimmen der Götter wurden aus der rechten Gehirnhälfte, in der erzieherische Erfahrungen gespeichert waren, zur linken Gehirnhälfte übertragen und hier akustisch als Sprechen, als Sprache, als Befehl wahrgenommen.

Den normalen Alltag bewältigten die Menschen übrigens ebenfalls ohne ein Bewusstsein ihrer selbst. Ihre Aufgaben übten sie automatisch aus, nach eintrainierten Bewegungsabläufen, so wie wir Menschen heute ebenfalls viele Dinge am effektivsten völlig automatisch und ohne Nachzudenken bewältigen: etwa beim Sport, beim Spielen eines Musikinstruments oder beim Rad- oder Autofahren.

Vor 3.000 Jahren begann nach Jaynes' Theorie der bikamerale Geist zusammenzubrechen, beide Gehirnhälften synchronisierten sich stärker und befähigen die Menschen, sich ihrer selbst, ihrer eigenen Existenz bewusst zu werden. Der Einzelne konnte nun sich selbst in Bezug setzen zur Gesellschaft und zur Welt. Im Gedächtnis gespeicherte Erinnerungen an Worte der Eltern oder anderer Autoritätspersonen wurden nun nicht mehr als fremde Stimmen halluziniert, sondern als eigene Erinnerungen wahrgenommen.

Auch wenn man die neurophysiologischen Erklärungen bzw. Hypothesen von Julian Jaynes nicht teilen mag, so überzeugen die zahlreichen Indizien, dass tatsächlich eine Wandlung im Denken stattgefunden hat. Vor allem in den schriftlichen Zeugnissen (verschiedene Versionen des Gilgamesch-Epos, Homers Ilias und Odyssee) wird das Erwachen eines reflektierenden Geistes plausibel. Diese Entwicklung im ersten Jahrtausend v. Chr. fand in Mesopotamien, der Levante, Griechenland und anderen Hochkulturen der Erde statt. Der Philosoph Karl Jaspers bezeichnete diesen Zeitabschnitt , in dem sich das Denken so radikal veränderte, "Achsenzeit".

Es bildete sich das reflexive Selbstbewusstsein heraus, das für uns heutige Menschen selbstverständlich ist. Zugleich hörten die Menschen immer seltener göttliche Stimmen, und bald waren es nur noch Propheten, die Gottes Botschaften vermittelten. Zuletzt gab es nur noch die Heiligen Schriften, in denen Gottes Wort festgehalten ist. Die alten Götter verließen die Bildfläche. Rationales Denken und Beweisführung traten an die Stelle von Mythen, die Schrift an die Stelle der mündlichen Überlieferung.

Im Anfang war das Wort, zuletzt die Schrift

Seitdem fragen die Weltreligionen bis heute: Warum haben die Götter uns verlassen, warum wurden wir aus dem Paradies vertrieben, warum redet Gott nicht mehr zu uns? Durch das Verstummen der Götter entstand das Bedürfnis nach Rück-Bindung, nach Religion.