Citizen Science: jeder Mensch ein Wissenschaftler
05.02.2014

Unsere Gesellschaft wird gerne als „Wissensgesellschaft“ bezeichnet. Neben der Arbeit der akademischen Wissenschaftler wird oft übersehen, dass auch Autodidakten und Laienforscher eine wichtige Rolle spielen. Vertreter eines elitären Wissenschaftsverständnisses mögen über die Beteiligung von Laien den Kopf schütteln. Aber es waren oft Menschen, die als nicht hauptberufliche Wissenschaftler zu bahnbrechenden Erkenntnissen kamen (Gregor Mendel, Charles Darwin, Albert Einstein, Jane Goodall). Bürger in der Wissenschaft - das ist heute leichter möglich denn je. In Anlehnung an Joseph Beuys lässt sich sagen: „Jeder Mensch ein Wissenschaftler“.

Manch etablierter Wissenschaftler schaut auf Autodidakten und Laienforscher herab. Dabei verdienen diese oft die Bezeichnung des Wissenschaftlers mit gleichem Recht wie die orthodox ausgebildeten akademischen Profis. Da wird eine Hausfrau zu einer Pilz-Expertin von Rang, ein Versicherungsangestellter wird zum Fachmann für Indianer-Sprachen, ein Grundschullehrer entwickelt ein funktionsfähiges Regiogeld. Viele Pflanzen- und Vogelkundler leisten wertvolle Arbeit, für die Universitäten oft kein Geld mehr haben, und Aquarianer steuern wertvolle Erkenntnisse zum Verhalten von Fischen und zu den Vermehrungsbedingungen bestimmter Arten bei. Im Angelsächsischen Sprachraum gibt es dafür den Ausdruck "Citizen Science", was ins Deutsche etwa mit "Bürgerwissenschaft" übersetzt werden kann. Wissenschaftler wie Erwin Chargaff, Robert Jungk und Paul Feyerabend waren Fürsprecher von Citizen Science als einer demokratisierten Wissenschaft und sahen darin ein Gegengewicht zu einer immer mehr verbürokratisierten, technokratischen und von großen Finanzgebern abhängigen Wissenschaft.

Ein renommierter Vertreter in diesem Zusammenhang ist Peter Finke, emeritierter Professor für Wissenschaftstheorie und Kulturökologie in Bielefeld, der seine Ideen für eine neue Form der Wissenschaft und für mehr Bildungsgerechtigkeit in seinem Buch "Citizen Science - das unterschätzte Wissen der Laien" (oekom, München 2014) darlegt. Nach seiner Darstellung beschränken viele institutionelle Regeln und ökonomische Zwänge die freie Forschung an den Universitäten und Hochschulen. Die heutige Art der Forschungsförderung begünstigt einige Fachgebiete, andere werden vernachlässigt. Bürgerwissenschaft ist seiner Auffassung nach eine wichtige Ergänzung der professionellen Forschung.

Allerdings sind viele Wissenschaftsbereiche heute so kompliziert geworden, dass Laien dort kaum einen Zugang finden. Andererseits sind mit hohem Bildungsstand und heutiger Kommunikationstechnik neue Formen der gemeinsamen wissenschaftlichen Arbeit von Laien möglich, wie es früher undenkbar war.

Nach Joseph Beuys wirkt jeder Mensch gestalterisch auf die Welt und die Gesellschaft ein, was er mit dem Begriff der "Sozialen Plastik" beschreibt und mit dem Satz: "Jeder Mensch ist ein Künstler". Übertragen auf die Wissenschaft könnte man sagen: "Jeder Mensch ist ein Wissenschaftler", wenn jeder Mensch dabei mitwirkt, Welt und Gesellschaft zu erkennen. Wissenschaft ist keine Aufgabe elitärer Zirkel oder einer akademischen Priesterkaste, sondern eine öffentliche Angelegenheit aller Bürger.


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