“Das Leben ist wert, gelebt zu werden, sagt die Kunst, die schönste Verführerin; das Leben ist wert, erkannt zu werden, sagt die  Wissenschaft.“ (Friedrich Nietzsche)

 

 

 

Klimaschutz: Wir brauchen den Mut der Hoffnungslosigkeit
02.01.2020

Rückblickend bietet das vergangene Jahr 2019 ein apokalyptisches Bild: Trockenheit und Hitzerekorde in Deutschland, ebenso in Russland, umfangreiche Waldbrände in Sibirien und Afrika, Brandrodungen im Amazonasbecken, mehrmals Hochwasser in Venedig, extreme Hitze und Buschbrände in Australien.

Der Klimawandel setzt vielen Tier- und Pflanzenarten dramatisch zu, aber Menschen zerstören ihre Lebensräume auch ganz direkt. Die Umweltschützer vom WWF sprechen vom größten "Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier".

Für den Klimaschutz hat die deutsche Bundesregierung lediglich ein Päckchen geschnürt, mehr Feigenblatt als ernsthafter Klimaschutz. Der australische Premier und Trump-Bewunderer Scott Morrison leugnet gar einen Zusammenhang der extremen Hitzewelle und der Brände mit dem Klimawandel. Australien ist der größte Kohleexporteur der Welt und will so weitermachen wie bisher, koste es so viel CO2 wie es wolle. Der Fascho-Präsident von Brasilien Jair Bolsonaro beschuldigt sogar Schauspieler Leonardo DiCaprio, die Brände im Amazonasgebiet finanziert zu haben. Auf so was muss man erst mal kommen. Wie irrsinnig kann Politik sein?

Die Liste der reaktionären Horror-Clowns der Weltpolitik ist nicht gerade stimmungsaufhellend: Donald Trump, Präsident der USA, steigt aus dem Pariser Klimaabkommen aus. Boris Johnson, Premier Großbritanniens, verspottet Klima-Demonstranten. Recep Tayyip Erdoğan, Präsident der Türkei, führt lieber Krieg gegen die Kurden. Jair Bolsonaro, Präsident von Brasilien, kürzt das Budget für den Klimaschutz um 95 Prozent. Scott Morrison, Premier Australiens und Trump-Bewunderer, lehnt strengere Klimapolitik ab. Rodrigo Duterte, Präsident der Philippinen, hält UNO-Klimakonferenzen für Zeit- und Geldverschwendung. Sebastián Piñera, Präsident von Chile, hat zwar einen Kohleausstieg angekündigt; angesichts der extremen Deregulierungspolitik im Land wird das von vielen bezweifelt.

Da fällt es schwer, Optimist zu bleiben. Vielleicht ist es besser, Slavoj Žižek zu folgen, der es vorzieht, Pessimist zu sein. Wer nichts erwartet, wird hin und wieder angenehm überrascht; der Optimist muss dagegen mit ansehen, wie seine Hoffnungen zunichtegemacht werden und ist ständig deprimiert:

"Erst wenn wir verzweifeln und nicht mehr wissen, was wir tun sollen, kann die Veränderung in die Tat umgesetzt werden – wir müssen durch diesen Nullpunkt der Hoffnungslosigkeit hindurch."
"Wahrer Mut besteht nicht darin, sich eine Alternative auszumalen, sondern darin, die Konsequenzen der Tatsache zu akzeptieren, dass es keine klar erkennbare Alternative gibt: Der Traum von einer Alternative ist ein Zeichen von theoretischer Feigheit, dient er doch als Fetisch, der uns davon abhält, die Ausweglosigkeit unserer Lage konsequent zu Ende zu denken. Wahrer Mut besteht, kurz gesagt, darin, einzugestehen, dass das Licht am Ende des Tunnels wahrscheinlich die Scheinwerfer eines entgegenkommenden Zuges sind."
(Slavoj Žižek: Der Mut der Hoffnungslosigkeit 2018)

In diesem Sinne hat sich Greta Thunberg im vergangenen Jahr auf der Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums in Davos geäußert: "Ich will, dass ihr handelt, als wenn euer Haus brennt, denn das tut es ... Erwachsene sagen immer wieder: Wir sind es den jungen Leuten schuldig, ihnen Hoffnung zu geben. Aber ich will eure Hoffnung nicht, ich will, dass ihr in Panik geratet, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre."

Ob Panik allerdings das richtige Rezept zu einer Mobilisierung ist, scheint fraglich. Panik beschreibt einen passiven negativen Erwartungsaffekt: lähmende Angst. Hoffnung sollte andererseits nicht mit bloßer Wunschvorstellung gleichgesetzt werden, wie es bei Slavoj Žižek im obigen Zitat scheint. Gehen wir über die Wünsche und Tagträume hinaus, dann kommen wir zum Wollen, und zwar zum Tun-Wollen. Dieses Wollen berücksichtigt, was man kann und was nicht. Ernst Bloch spricht von der Hoffnung als einer "konkreten Utopie". Dafür müssen sich die Menschen ihrer Möglichkeiten bewusst werden, um diese schließlich realisieren zu können. Das Engagement der Fridays-For-Future-Bewegung ist dazu ein wichtiger Anstoß. Angetrieben vom Mut der Hoffnungslosigkeit (Žižek) führt der Weg vielleicht zur hoffnungsvollen Tat (Bloch).