Erlösung durch Technik
(2004)

Das Jahr 2004 wird zum "Jahr der Technik", so teilt Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn mit. Vom Herzschrittmacher über die Brennstoffzelle bis zum Mikroroboter - das Jahr der Technik möchte anschaulich machen, wo Technik zum Einsatz kommt und was moderne Ingenieurwissenschaften für die Gestaltung und Entwicklung unserer Gesellschaft leisten. Dazu werden insgesamt mehr als 2000 Veranstaltungen in ganz Deutschland stattfinden.
Wie die Religion verheißt Technik die Befreiung von weltlichen Nöten. Heute wird dabei besonders häufig auf die Leistungen der Medizin verwiesen. Die Biowissenschaften bereiten eine Zukunft mit biologischen Ersatzteillagern, Mensch-Maschine-Systemen, künstlichem Leben, das ewige Leben erscheint greifbar nahe.

Wenn man sich ansieht, wie Francis Bacon das Ziel von Wissenschaft und Technik formuliert, nämlich die menschliche Herrschaft zu erweitern, dann zeigt sich, dass die Entwicklung der modernen Technik letztlich einem religiösen Impuls entspringt. Dieses Ziel orientiert sich am Ideal einer göttlichen Welt und verfolgt die Absicht, die Kluft zwischen der Wirklichkeit auf der Erde und der göttlichen Welt zu verringern. Der Mensch soll mit Hilfe der Technik erlöst werden.

Technikgläubigkeit und Fortschrittserwartung der bürgerlichen Gesellschaft ähnelt nicht zufällig der Heils-Erwartung eines kommenden Reichs Gottes. Aber die zunehmende Innovationsgeschwindigkeit stößt an ökologische und biologische Grenzen. Können wir uns den technischen Fortschritt überhaupt noch leisten? Das ewige Leben mit medizinisch-technischen Mitteln zu verwirklichen, wird ewig viel Geld kosten.

In Zeiten knapper Kassen und der Hoffnung auf ökonomischen Aufschwung wird das "Jahr der Technik" außerdem unter dem Blickwinkel "Technikentwicklung als Motor des Wirtschaftsstandorts Deutschland" gesehen. Der Technik wird die Aufgabe verliehen, den Konsum anzukurbeln, den Konsum von allen Beschränkungen zu befreien. Schon ruft Kanzler Schröder 2004 zum "Jahr der Innovation" aus.

Längst machen marktwirtschaftliche Konzepte für die Universität die Runde. Universitäten lassen zum Beispiel zunehmend ihre technischen Verfahren patentieren. Sie sind außerdem auf Gelder aus der Wirtschaft angewiesen, weil der Staat die Forschung nicht mehr ausreichend finanziert. Zwei Drittel der Forschungsgelder kommen nicht vom Staat, sondern von Unternehmen. Und welche Konsequenzen hat dies?

Gelder fließen vorwiegend in technisch verwertbare, anwendungsbezogene Projekte. Grundlagenwissenschaft trocknet aus. Wissenschaft und Technik sind immer mehr miteinander verknüpft. Wissenschaft ist nicht mehr frei und unter Technik wird vornehmlich das anerkannt, was als Hightech hochkomplex ist, was sich vom Leben der Menschen immer mehr abtrennt, was eine immer stärkere Eigendynamik entwickelt, an die wir uns dann letztlich anzupassen haben.

Dabei folgt Innovation auf Innovation, das heute Brandneue ist morgen schon hoffnungslos überholt, die Zeit wird immer knapper und der Leistungsdruck steigt. Bei diesem rasenden Wettlauf nimmt sich kaum noch einer die Zeit, innezuhalten und nachzudenken. Die Ruhe wird als horror vacui gemieden, man könnte ja darauf kommen, dass das eigene Leben gar nicht mehr von einem selbst gelebt wird, sondern von der Technik. Also verbleibt man lieber in der Selbstbewusstlosigkeit der an einem auf dem allmächtigen Bildschirm vorüber ziehenden Bilder. Ist das große Interesse an der Technik vielleicht Flucht vor dem Leben, das immer auch Sterben bedeutet?