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Eine Auswahl von Themen der vergangenen 15 Jahre:

Alkohol, Drogen und die Kreativität:

Durch Rausch zur Inspiration?

(2014)

"Sex, Drugs and Rock'n Roll" war der Leitspruch vieler Musikstars. Zahlreiche Songs drehen sich deshalb immer wieder um dasselbe Thema: "Alkohol" (Herbert Grönemeyer), "Cocaine" (J.J. Cale), "Heroin" (Velvet Underground), "The Needle And The Damage Done" (Neil Young), "Cold Turkey" (John Lennon). Viele Künstler starben auch an Drogen und Alkohol: Jimi Hendrix, Janis Joplin, Elvis Presley,Jim Morrison oder Amy Winehouse - die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Die Meinung, Drogen würden schöpferische Kräfte fördern, ist weit verbreitet. Aber stimmt das auch?

Amy Winehouse - großartige Stimme, talentierte Songschreiberin mit internationalem Erfolg und einer achtjährigen Karriere. Dann war Schluss. Am 23. Juli 2011 starb Amy Winehouse an einer Alkoholvergiftung. Aus mit 27 Jahren. Bilanz ihres kurzen kreativen Lebens: Zwei Alben, 25 Millionen verkaufte Tonträger, fünf Grammys.

Amy Winehouse war nicht bereit, sich helfen zu lassen. Ihr Titel „Rehab“ sagt: Entzug, nein danke. Sie sollte in die Entzugsklinik, ging hin und kehrte bald wieder zurück. Suchttherapie? Zeitverschwendung – ihrer Meinung nach.

 27 Club

Es gibt etliche Musiker, die vor Ende ihres 27. Lebensjahrs für immer von der Bühne abtraten: Kurt Cobain, Janis Joplin, Jimi Hendrix, Brian Jones und Jim Morrison. Sie haben die zweifelhafte Ehre, dem „27 Club“ anzugehören: zu dem werden Musiker gezählt, die starben bevor sie 28 wurden. Für alle kam das Ende viel zu früh. Das Ende aller großen Pläne, das Ende aller Erfolge. Es bleiben nur Lieder und Erinnerungen.

Jim Morrison, Sänger der Doors starb am 3. Juli 1971 – 40 Jahre vor Amy Winehouse. Er war nach Paris geflohen und wollte dort Gedichte schreiben und an Drehbüchern arbeiten. Aber daraus wurde nichts: man fand ihn tot in seiner Badewanne. Jim Morrisons Name steht – wie der Name von Amy Winehouse – für Rausch, Grenzüberschreitung, Selbstzerstörung. Aber auch für außerordentliche Kreativität. Der Heidelberger Psychotherapeut und Kreativitätsforscher Professor Dr. Rainer Holm-Hadulla hat sich intensiv mit Jim Morrisons Biografie auseinandergesetzt, von dem er sagt, er sei zu Beginn ein Dichter gewesen. Sein erster Gedichtband trägt den Titel „All Games Contain the Idea Of Death“ - „Alle Spiele beinhalten die Idee des Todes“. Erst später wurde er der charismatische Sänger der Doors.

Zwischen Schöpfung und Zerstörung

Rainer Holm-Hadulla hat Jim Morrisons Songtexte, Gedichte, Interviews ausgewertet und Berichte von Freunden, Arbeitskollegen und Familienangehörigen gelesen. In einer kürzlich veröffentlichten Studie zeigt er, wie Drogen und Alkohol Jim Morrisons Kreativität in kurzer Zeit vernichteten. Auch in seinem Buch „Kreativität zwischen Schöpfung und Zerstörung“ beschäftigt sich Rainer Holm-Hadulla mit Jim Morrisons Biographie und erörtert die Voraussetzungen für kreatives Schaffen.

Kreativ sind wir bereits als Säugling. Das beginnt schon auf neuronaler Ebene: Die Informationsverarbeitung unseres Gehirns bildet ständig neue Nerven-Verknüpfungen, die aus Sinneseindrücken zusammenhängende Wahrnehmungen machen. Immer suchen wir unsere für Eindrücke, Erlebnisse, Ideen und Gefühlsregungen nach Zusammenhängen, sagt Holm-Hadulla: „In einem Zusammenspiel von konzentriertem, konvergentem und assoziativem divergentem Denken bilden sich auch unbewusst kombinatorisch ständig neue Muster, die dann etwas darstellen, was wir Form, neue Form nennen. Und das ist eigentlich ein altes kulturelles Denkbild, dass sich kreative Prozesse immer in einem Prozess von Verstetigung und Verflüssigung befinden.“

Begabung ist eine Voraussetzung für Kreativität, daneben braucht es auch Wissen und Können. Aber das ist noch nicht alles. Es geht nicht nur Reproduktion des Bekannten und des Gekonnten, sondern auch um Auflösung bekannter Formen und Arbeitsweisen, um Neues zu erschaffen. Insofern steht Kreativität zwischen Schöpfung und Zerstörung. Man muss zerstören, um schöpferisch zu sein. Jim Morrison, der Zerstörung und Selbstzerstörung zelebrierte, liebte bezeichnender Weise die Werke von Friedrich Nietzsche. Dieser Philosoph verstand sich ja aufs Zertrümmern:

„Und wer ein Schöpfer sein muss im Guten und Bösen: Wahrlich, der muss ein Vernichter erst sein und Werte zerbrechen. Also gehört das höchste Böse zur höchsten Güte: Diese aber ist die Schöpferische.“ […] „Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“
[Also sprach Zarathustra]
 

Chaos und Struktur

Holm-Hadulla macht eine Einschränkung: Das Chaos sei wichtig, aber es bedürfe auch fester Strukturen, die immer wieder neu gebildet werden müssten. Jim Morrison wagte sich an Abgründe und zu Grenzerfahrungen, vor denen die meisten Menschen zurückschrecken. Dabei halfen auch Drogen. Zu Anfang konnte er seine Erfahrungen in Songtexten und mit seiner ausdrucksstarken Stimme kreativ verarbeiten. Seine Depressionen und Ängste holten ihn aber immer wieder ein, und er versuchte, seine Gefühle mit Alkohol und Drogen zu beeinflussen. Mit zunehmenden Alkoholexzessen schaffte er es immer weniger, die kreativen Spannungen auszuhalten, und war nicht mehr fähig, seine Einfälle auszuarbeiten und umzusetzen, stellt Rainer Holm-Hadulla fest.

Ähnlich ging es Amy Winehouse, die zwar zunächst vom Heroin wegkam, ihre inneren Dämonen dann aber mit Alkohol in Schach zu halten versuchte. Amy Winehouse beschreibt in ihrem Song „Wake Up Alone“, wie sie wach bleibt, das Haus putzt und dabei wenigstens nicht trinkt. Sie rennt herum, um nicht ans Denken denken zu müssen. Aber sobald die Sonne untergeht, verschwindet dieser stille Sinn von Zufriedenheit, den jeder andere Mensch erfährt.

Die Songs von Amy Winehouse geben intensiv ihr persönliches Leid wieder. In dem Punkt ist sie mit Jim Morrison vergleichbar, konstatiert Rainer Holm-Hadulla. Beide konnten ihre kreative Spannung nicht ausreichend bewältigen. Die Umsetzung in Text und Musik waren nicht stark genug, um sie am Leben zu halten. Ein anderer berühmter Künstler kannte diese Verzweiflung, ohne am Ende daran zu zerbrechen - Johann Wolfgang von Goethe:

„Nur mit Entsetzen wach’ ich morgens auf,
Ich möchte bittre Tränen weinen,
Den Tag zu sehn, der mir in seinem Lauf
Nicht Einen Wunsch erfüllen wird, nicht Einen,
Der selbst die Ahnung jeder Lust
Mit eigensinnigem Krittel mindert,
Die Schöpfung meiner regen Brust
Mit tausend Lebensfratzen hindert.
Auch muß ich, wenn die Nacht sich niedersenkt,
Mich ängstlich auf das Lager strecken;
Auch da wird kein Rat mir geschenkt,
Mich werden wilde Träume schrecken.“

So lässt Johann Wolfgang von Goethe seinen Faust sprechen, der in diesen Zeilen die typischen Symptome einer Depressionserkrankung zeigt. Rainer Holm-Hadulla findet im „Faust“ den Kampf zwischen Schöpfung und Zerstörung, Kosmos und Chaos auf eine besondere Weise verdichtet. In der Tragödie geht es um die Grenzen menschlicher Kreativität. Das Gefühl der melancholischen Verzweiflung ist Goethe nicht fremd, aber er schafft es immer wieder, seine depressiven Verstimmungen durch kreatives Schaffen zu bewältigen. Goethe sei für die moderne Kreativitätsforschung einzigartig, meint Rainer Holm-Hadulla. Der Dichter habe depressive Episoden aus eigener Erfahrung gekannt und in diesen Krisenzeiten sein kreatives Talent genutzt, um besondere Inspiration daraus zu schöpfen.

Stirb und Werde

In Goethes Gedichtband „West-östlicher Divan“ heißt es:

„Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.“

Goethe hat seine Gedichte häufig als „Stirb und Werde“ betrachtet. Es gab in seinem Leben öfter Situationen, in denen ihm das Herz brach. Rainer Holm-Hadulla hat sich intensiv damit beschäftigt. Goethe hatte das Gefühl, er werde sterben, er werde vernichtet. Er hat es aber immer wieder geschafft, daraus geduldig zu arbeiten. Holm-Hadulla: „Und das ist so ein Moment des Kreativen, den wir gerne übersehen, dass es halt auch Geduld und Zeit braucht.“

Goethe verarbeitete seine Gefühle und Erfahrungen, indem er in seiner Dichtung Worte für sie fand. Dann war er nicht mehr Objekt des Schicksals, sondern empfand sich als wirksames Selbst. Allerdings: zu viel Stabilität und Wohlbefinden sind auch nicht gut. Gegen Ende des ersten Weimarer Jahrzehnts, im Staatsdienst am Hof des Herzogs, geriet er in eine Krise. Er fühlte sich „von seinen poetischen Quellen“ abgeschnitten und stürzte sich ins Abenteuer und ging auf eine Italienreise. Jetzt sprach er von einer „Wiedergeburt“, die er in Italien erfahren habe.

Neue Erfahrungen, Grenzerfahrungen sind notwendig, um kreativ sein zu können. Künstler wie Amy Winehouse und Jim Morrison haben mit Alkohol und Drogen nachzuhelfen versucht, schöpferisches Chaos zu entfachen. Am Ende verloren sie sich darin.

Sackgasse: Gehirndoping und Neuroenhancement

Dass mit Alkohol und härteren Drogen kreative Potentiale entfesselt werden könnten, hinter dieser Vorstellung steckt die Illusion, man könne ohne konzentrierte Arbeit schöpferische Leistungen vollbringen. Nicht nur in der Rockmusik ist dieser Irrtum verbreitet. Auch mancher Anzugträger in Finanzwelt, Wirtschaft und Politik, versucht es mit chemischer Stimulation.

Die Hoffnung, die Kreativität durch chemische Substanzen, durch „Gehirndoping“ und „Neuro-Enhancement“ verbessern zu können, hält Rainer Holm-Hadulla für naiv. „Ich kenne das noch als Student in den 70er Jahren bei mir im Nachklang der 68er. Da hat der eine oder andere Medizinstudent mal Amphetamine genommen, konnte eine Nacht brillant lernen, war dann drei Tage zerschlagen, hat sich dann gedacht: hätte ich doch lieber jeden Tag zwei, drei Stunden gelernt. Wir wissen, dass zum Beispiel Amphetamin - Methylphenidat - zwar wach macht, aber das kombinatorische Denken schwer beeinträchtigt.“

Kein Schaffen ohne Leiden

Kreative Arbeit bedeutet auch zu leiden, Schwierigkeiten zu überwinden. Zum Beispiel in der Vorbereitungsphase, wenn man sich Wissen und Können aneignet. Wenn man danach einer Idee auf der Spur ist, diese sich aber erst nur schemenhaft erfassen lässt. Wenn endlich der Funke überspringt und man versucht, die Idee festzuhalten. Wenn man dann dem Einfall in geduldiger Arbeit eine Form geben muss. Und wenn man schließlich sein Werk prüft und der Öffentlichkeit preisgibt. Kreativität braucht beides: Begabung, aber auch eine Menge Disziplin, die Amy Winehouse und Jim Morrison gefehlt haben mag. Sie konnten Ordnung und Chaos nicht im Gleichgewicht halten. Das hatte wohl auch mit ihren Kindheitserfahrungen zu tun. Jim Morrisons Eltern legten großen Wert auf gesellschaftliche Konventionen und hatten für die kreativen und eigensinnigen Seiten ihres Sohnes wenig Verständnis. Amy Winehouse erfuhr von ihrer Mutter wenig Zuwendung. Und als sie neun Jahre alt war, trennten sich die Eltern, und der geliebte Vater zog zu einer anderen Frau.

Amy Winehouse und Jim Morrison wie auch andere Künstler konnten Kreativität und Destruktivität, Lebenstrieb und Zerstörungswut nicht ausbalancieren. Zerstörung und Selbstzerstörung übernahmen die Macht. Rainer Holm-Hadulla verweist auf Giuseppe Verdi. Wäre dieser Komponist ebanfalls schon mit 27 Jahren gestorben, gäbe es nichts von ihm. „Er hatte nicht mal seine frühen Werke angefangen. Wenn Richard Wagner mit 27 gestorben wäre, gäbe es paar Anfänge von Rienzi, und sonst fast nichts. Und wenn das absolute Wunderkind der Geschichte Wolfgang Amadeus Mozart schon mit 27 gestorben wäre, hätten die großen Opern Don Giovanni, Die Zauberflöte, Cosi Fan Tutte nicht entstehen können.

Kreativität braucht Zeit. Auch Lebenszeit. Manche Begabungen kommen erst im Alter richtig zur Entfaltung, betont Holm-Hadulla: „Mein persönlicher philosophischer Lehrer Hans-Georg Gadamer hat sein Hauptwerk erst mit 60 Jahren geschrieben und die besten Arbeiten zwischen 60 und 80. Er hat allerdings auch schon mit 22 Jahren promoviert. Also man sollte nicht bis 60 warten.“

Auch Rainer Holm-Hadulla hat die 60 überschritten. Seine eigenen frühen Erfahrungen gaben den Anstoß, sich mit dem Thema Kreativität zu beschäftigen. „Ich selbst hatte immer ganz große Probleme zu schreiben. Bis ich das dann selbst gelernt habe, dass man auch im kreativen Prozess ganz bestimmte Phasen hat, in denen man zugeben muss: das macht jetzt keinen Spaß, aber es muss auch gar keinen Spaß machen.“ Dem Wissenschaftler hat es geholfen, einzusehen, dass kreatives Arbeiten nicht immer Spaß machen muss. Seit dieser Zeit kann er entspannter schreiben.

Rituale können helfen, sich vor unproduktiver Geschäftigkeit oder chaotischer Unordnung zu schützen. Gerade Genies wie Goethe, Picasso und García Marquez, haben ihre Arbeit sehr bewusst organisiert, sagt Rainer Holm-Hadulla. Jeder entwickelt da so seine eigenen Rezepte. Das gilt auch für das Pop- und Rockgeschäft. Denn schließlich gibt es etliche Künstler, die überlebt haben. Rainer Holm-Hadulla: „Schauen Sie sich Mick Jagger an, hat eine unglaubliche Disziplin; oder Madonna, ebenso diszipliniert - oder David Bowie mit seinem Alterswerk. Ich denke, dass die nicht nur überlebt haben, sondern dass die sich auch mit einer gewissen kreativen Resignation zu diszipliniertem Arbeiten gebracht haben.“


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