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Eine Auswahl von Themen der vergangenen 15 Jahre:

Mehr Sicherheit durch  Fahrerassistenzsysteme? 

Elektronischer Schutzengel auf dem Beifahrersitz

(2006)

Was leisten  Fahrerassistenzsysteme? Machen sie das Autofahren sicherer oder verleiten sie sogar zu riskanterer Fahrweise? 

 

Die Limousine gleitet sanft aus der Parklücke. Elektronische Sensoren kontrollieren den Vorgang und warnen durch Lautsprecher-Klänge. Dr. Johannes Happe, Ingenieur bei Siemens VDO, gibt Gas, und über dreihundert Pferdestärken treiben das Fahrzeug nach vorn. Zu hören ist davon im Innenraum nicht viel, vom Motor dringt nur ein leises Brummen ans Ohr. Der Fahrer steuert den Wagen durch die Stadt und wirft einen Blick aufs Armaturenbrett.

Siemens VDO hat die Limousine mit zahlreichen elektronischen Instrumenten ausgerüstet: vorne mit zwei Kameras und einem Lasersensor und einem nach hinten und zur Seite ausgerichteten Radarsensor. Rundumüberwachung, die das Autofahren sicherer machen sollen. Wie ein Schutzengel wacht das Fahrerassistenzsystem über die Entscheidungen des Fahrers, schaut genau hin, wo er etwas übersehen hat, erinnert ihn an wichtige Verkehrsinformationen.

Hinter dem Ortsausgangschild nimmt die Limousine Fahrt auf. Das Navigationssystem weist die Richtung, und der Bordcomputer gibt die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf der soeben befahrenen Straße an. Die Informationen über zugelassene Geschwindigkeiten holt der Computer aus digitalisierten Karten und GPS-Daten und überträgt diese auf eine Anzeige im Armaturenbrett. Plötzlich blinkt eine Anzeige im Display: Tempolimit – 30 Stundenkilometer. Johannes Happe bremst den Wagen ab, eine Baustelle verengt die Fahrspur. Gerade eben haben die Kameraaugen des Bordcomputers das Straßenschild am Fahrbahnrand gesichtet, erklärt Johannes Happe. Hätte er selbst das Schild übersehen, der Computer gewiss nicht, auf den sei Verlass.

Nur wenige Kilometer hinter der Baustelle erreicht Johannes Happe die Auffahrt zur Autobahn. Er will schon von der Beschleunigungsspur auf die Fahrbahn wechseln, da vibriert sein Lenkrad, und eine Warnlampe in der Nähe des Außenspiegels leuchtet rot auf. Johannes Happe bleibt auf der Spur und lässt den Pkw vorbei, der gerade noch im toten Winkel versteckt war. „Blind Spot Detection“ – kurz BSD – überwacht den toten Winkel und hat gerade eine brenzliche Situation entschärft. Radarsensoren erfassen auf jeder Fahrzeugseite den toten Winkel, ein zusätzlicher Sensor überwacht die bis zu 100 Meter zurückreichende Zone hinter dem Fahrzeug. Dieser elektronische Assistent vermittelt dem Fahrer ein sicheres Gefühl auf der Straße.

Mit hoher Geschwindigkeit saust die Limousine über die Autobahn, die Landschaft huscht vorbei. Der Fahrer sitzt ganz entspannt hinter seinem Lenkrad, befindet sich in der Obhut der überwachenden Elektronik. Kameras, Sensoren, Navigationssystem, Verkehrszeichenerkennung, Tote-Winkel-Erkennung, Spurwechselassistent: alle entlasten ihn, und er ist nicht mehr ausschließlich auf seine eigenen Sinneswahrnehmungen angewiesen. Mit genügend technischen Hilfsmitteln braucht man gar nicht mehr gut Auto fahren zu können. Ein schlechter, unaufmerksamer Fahrer findet in dieser elektronischen Hochrüstung die Prothese für seine fehlende Umsicht.

Das Gefühl von Sicherheit kann aber auch trügen, warnt der Verkehrspsychologe Dr. Martin Gründl von der Universität Regensburg. Viele dieser Fahrerassistenzsysteme machen das Autofahren wider Erwarten nicht sicherer, weil sich Fahrer zu sehr auf diese Technik verlassen. Wieso auch in den Spiegel sehen, wenn die Sensoren das schon für mich erledigen? Wieso auf Straßenschilder achten, wenn das der Bordcomputer schon macht? Fahrer, die sich durch die Sicherheitstechnik zu gut geschützt fühlen, gehen im Straßenverkehr höhere Risiken ein. Zu diesem Schluss kommt die Untersuchung Martin Gründls, die der Frage nachging, wodurch Verkehrsunfälle entstehen und wie man sie vermeiden kann. Drei Jahre lang wurden über 300 Verkehrsunfälle untersucht und über 300 beteiligte Autofahrer befragt. Aus den Analysen der Verkehrsunfälle zieht Martin Gründl unter anderem den Schluss, dass der Spurwechselassistent gar nicht mehr Sicherheit bringt. Ähnliches gilt für andere technische Sicherheitseinrichtungen. Schade, denn die automatischen Helfer machen das Autofahren doch so bequem. Zum Beispiel ein Tempomat, der eine eingestellte Fahrtgeschwindigkeit einhält. Und zusätzlich ein Laser-Lidarsensor, der den Abstand zum Vordermann überprüft und das Fahrzeug gegebenenfalls automatisch abbremst und auf Abstand hält.

Diese automatische Abstandsregelung fördert aber nicht unbedingt die Sicherheit, warnt Martin Gründl. Man müsse damit rechnen, dass viele Fahrer einen knappen „sportlichen“ Sicherheitsabstand einstellen und dadurch dichter auffahren, als sie das möglicherweise sonst tun würden. Dadurch entstehen neue Gefahrensituationen, selbst wenn das System sich am gesetzlich vorgeschriebenen Sicherheitsabstand orientiert. Auch der gesetzlich vorgeschriebene Sicherheitsabstand könne zu knapp sein, meint Martin Gründl, beispielsweise bei bei älteren oder übermüdeten Fahrern, die nicht mehr so leistungsfähig sind.

Übermüdung ist die Ursache zahlreicher Unfälle: durch Auffahren auf ein anderes Fahrzeug oder durch das Abkommen von der Fahrbahn. Gerade diese Situation soll das Spurassistenzsystem „Lane Departure Warning“ verhindern: Eine Kamera schaut sich die Spurmarkierung auf der Straße an, und sobald das Fahrzeug die Spur überfährt, beginnt das Lenkrad zu vibrieren. Eine Gefahr bei Lane Departure Warning besteht allerdings darin, dass dieses System missbraucht werden kann, beispielsweise von Fahrern, die stark übermüdet sind und eigentlich überhaupt nicht mehr fahren sollten, oder auch durch alkoholisierte Fahrer, die erst recht nicht mehr fahren sollten. Solche Leute könnten sich sagen: das System hilft mir beim Lenken, also kann ich ja doch noch damit fahren.

Martin Gründl hat einen zusätzlichen Einwand: Weil Spurassistenzsysteme nur funktionieren, wenn Fahrbahnrandmarkierungen da sind, versagen sie bei schlecht ausgebauten Ortsverbindungsstraßen auf dem Land. Technische Probleme bereiten auch Randmarkierungen, die stark verwittert sind, von Gras oder Büschen überwachsen, von Laub überdeckt oder durch einen häufigen Wechsel von Licht und Schatten für das System schwer zu erkennen sind.

Besonders schwierig ist das Autofahren bei Nacht. Auch da gibt es ein technisches Hilfsmittel, die eingeschränkten Sichtverhältnisse zu verbessern: Night Vision. Siemens VDO hat die Limousine mit einer Nachtsicht-Unterstützung eingerichtet. Eine Wärmebildkamera erkennt Fußgänger oder Tiere auf der Fahrbahn und markiert sie im Bild mit einem Warnsymbol. Das Bild wird auf die Frontscheibe projiziert, direkt in das Blickfeld des Fahrers.

Allerdings zeigt sich nach Martin Gründls Untersuchungen bei nächtlichen Unfällen, bei denen Night Vision Sinn machen sollte, dass fast immer viel zu schnell gefahren wurde. Und oft kommt noch dazu, dass der Fahrer alkoholisiert war. Night Vision könnte den Fahrern ein viel zu großes Sicherheitsgefühl vermitteln, warnt der Verkehrspsychologe. Sobald sich jemand sicher fühle, passe er sein Verhalten an und gehe mehr Risiken ein, etwa durch zu schnelles Fahren.

Was die Sicherheit betrifft, bewertet Martin Gründl deshalb die Nachtsicht-Unterstützung, den Spurwechselassistenten, das Spurassistenzsystem und den Abstands-Assistenten skeptisch, vor allem weil er mit negativen Verhaltensanpassungen der Fahrer rechnet. Der Verkehrspsychologe plädiert dagegen für eine Automatische Notbremse, die in Notfallsituationen schneller reagiert als ein Mensch und dadurch eine Kollision verhindert oder die Wucht des Aufpralls mindert. Eine Automatische Notbremse sei bei weitem das wichtigste Assistenzsystem. Danach folgten der Abstands-Assistent, Adaptive Cruise Control, und das Spurassistenzsystem, Lane Departure Warning.

Hauptursache der meisten Unfälle sind nach Gründls Studie zu große Unterschiede in den Fahrt-Geschwindigkeiten, weil die auffahrenden Fahrer viel zu schnell fuhren. Ein generelles Tempolimit auf Autobahnen würde mehr Sicherheit schaffen – ganz ohne Technik. Es sei falsch, allein auf Technik zu setzen, meint Martin Gründl. Die technischen Fortschritte würden oft durch leichtsinnigeres Verhalten wieder wettgemacht: „Wenn Missbrauch stattfindet, dann könnte es sein, dass diese Systeme insgesamt nicht zu mehr Sicherheit, sondern sogar zu weniger Sicherheit führen.“