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Eine Auswahl von Themen der vergangenen 15 Jahre:

Klimawandel und Kulturgeschichte:

Menschheitsgeschichte im Spiegel der Klimaentwicklung

(2003)

Der gegenwärtig zu verzeichnende Klimawandel ist in der Menschheitsgeschichte nichts Einzigartiges. Seit der letzten Eiszeit vor 20.000 Jahren wechselten immer wieder Wärme- mit Kältephasen ab, die die Kulturentwicklung entscheidend beeinflussten. Wärmere Epochen förderten zumeist die kulturelle Entwicklung, Kälteperioden warfen sie zurück.

Dann legte Gott, der Herr, in Eden, im Osten, einen Garten an und setzte dorthin den Menschen, den er geformt hatte. Gott, der Herr, ließ aus dem Ackerboden allerlei Bäume wachsen, verlockend anzusehen und mit köstlichen Früchten, in der Mitte des Gartens aber den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.
Genesis 2,8

Als erstes entstand das goldene Geschlecht, das keinen Rächer kannte und freiwillig, ohne Gesetz, Treue und Redlichkeit übte. … Auch gab die Erde, frei von Lasten und Pflichten, von keiner Hacke berührt, von keiner Pflugschar verletzt, alles von selbst… Ewiger Frühling herrschte, und sanfte Westwinde streichelten mit lauen Lüften die Blumen, die ungesät entsprossen waren. Bald trug ungepflügte Erde auch Getreide, und ohne nach einer Brache neu bearbeitet zu sein, war der Acker weiß voll schwerer Ähren.
Ovid, Metamorphosen 1, 89-110

Die meisten Paradiesmythen schildern ein längst vergangenes, Goldenes Zeitalter, in dem die Menschen ohne Furcht und Mangel lebten. Die älteste bekannte Paradiesvorstellung stammt von den Sumerern, die in Mesopotamien vor über 5000 Jahren lebten. In dem Mythos wird ein Land beschrieben, dessen Felder ewig grün und fruchtbar sind und aus dessen Erde reine Quellen sprudeln. Dieses Land ist von Göttern und Göttinnen bevölkert, die frei von Krankheit, Tod und Mühsal sind.

Das Paradies, von dem die Mythen berichten, hat es tatsächlich gegeben. Der Stuttgarter Geograph Professor Wolf Dieter Blümel ist davon überzeugt, dass die Mythen einen ganz realen Hintergrund haben. Auf die letzte Würm-Eiszeit folgte vor 10.200 Jahren die jetzige Warmzeit, das Holozän. Zu diesem Zeitpunkt etwa zwischen 10.000 bis 4.000 vor heute war es auf der Erde so warm, wie es bis heute nicht mehr gewesen ist.

Wolf Dieter Blümel nennt verschiedene Wege, auf denen er das Klima zurückliegender Jahrtausende rekonstruiert. Alte Holzfunde datiert er mit der C14-Methode, die Jahresringe verraten günstige oder ungünstige Vegetationsbedingungen. In Mooren konservierte Pollen geben über das Klima vor Jahrtausenden Auskunft. Außerdem findet man in tiefen Erdschichten oft alte, fossile Böden. Entspricht ein entdeckter fossiler Boden zum Beispiel der schwarzen Steppenerde der Ukraine, dann folgt der Schluss, dass zu der Zeit, als dieser Boden entstand, am Fundort ein Klima wie heute in der Ukrainischen Steppe geherrscht hat.

Mit all diesen Methoden konnten die Wissenschaftler nachweisen, dass in der Zeitspanne des so genannten nacheiszeitlichen Wärmeoptimums, die vor 10.000 Jahren begann und gute 5000 Jahre andauerte, paradiesische Zustände herrschten, denn es war auf der Erde zwei bis zweieinhalb Grad wärmer als heute.

Für Wolf Dieter Blümel stellt das nacheiszeitliche Wärmeoptimum für den damaligen Menschen eine sehr glückliche Zeit dar, weil sie berechenbar ist. Es ist warm aber nicht zu trocken, und unter diesen optimalen Bedingungen beginnen die Menschen in den Savannengebieten, Pflanzen anzubauen, anstatt sie nur zu sammeln. So werden aus Nomaden Sesshafte, aus Sammlern und Jägern Ackerbauern und Viehzüchter - ein Umbruch, der als jungsteinzeitliche ackerbauliche Revolution bezeichnet wird, in Wirklichkeit aber wohl eher eine Evolution, eine langsame kulturelle Änderung war. Das spielt sich vor etwa 9000 Jahren im Bereich des fruchtbaren Halbmonds ab; ein Gebiet, das die heutigen Länder Israel, Libanon, Syrien, Irak, Türkei und Iran umfasst. Teile heutiger Wüsten sind damals grün. Aus nomadisierenden Wildbeuter-Kulturen entwickeln sich sesshafte Ackerbauern-Gesellschaften mit einer produktiven Landwirtschaft, die Überschüsse erwirtschaften kann. Jericho, die älteste Stadt der Welt wird gegründet. Diese neue Kultur verbreitet sich bis nach Zentraleuropa.

Stonehenge kann als Paradebeispiel am Ende dieser prosperierenden Wärmeperiode gelten, denn es gehört viel Energie dazu, die gewaltigen Stelen und Steinsäulen über lange Strecken zu transportieren. Es muss eine Überschussproduktion an Lebensmitten gegeben haben. Eine darbende Gesellschaft hätte dies nicht zuwege gebracht. Aber die paradiesischen Zeiten finden dann ein abruptes Ende:

So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. Dornen und Disteln lässt er dir wachsen, und die Pflanzen des Feldes musst du essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zum Ackerboden; von ihm bist du ja genommen. Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück.
Genesis 3,17

Wolf Dieter Blümel sieht in einem gut datierten Fund den Zeitpunkt, an dem die Vertreibung aus dem Paradies stattgefunden hat: vor 5300 Jahren schneit ein Mann in den Ötztaler Alpen ein, mumifiziert, und die Schneedecke gibt den Mann am Hauslabjoch - der populär geworden ist als "Ötzi" - erst in unseren Tagen wieder frei. Es muss damals als der Mann ums Leben kam, ein sprunghafter Klimawechsel stattgefunden haben. Denn vor diesem Zeitpunkt wanderten die Menschen aus dem heutigen Südtirol mit ihren Herden regelmäßig nach Nordtirol. Ganz plötzlich, in einem Klimasprung muss es kälter geworden sein, so dass die Alpen nicht mehr passierbar waren. In der Periode der so genannten Klimadepression der Bronzezeit wird es ein bis zwei Grad kälter als heute. Die Folgen sind regionale Missernten und Versorgungsprobleme. Aber die schwierigen Zeiten scheinen jetzt den Erfindergeist herauszufordern. Obwohl der neue Werkstoff Bronze schon in der Jungsteinzeit bekannt war - Ötzi besaß ein Bronzebeil erhält das neue Metall immer größere Bedeutung, bis es von einem anderen Metall, dem Eisen abgelöst wird.

Von damals bis heute vollzieht das Klima ein ständiges Auf und Ab. Vor 2.300 Jahren steigen die Temperaturen wieder an und es wird ein bis eineinhalb Grad wärmer als heute. Das große Römische Imperium scheint von diesem Klimaoptimum begünstigt zu sein.

Dann, 200 - 600 nach Christus, schlägt das Klimapendel wieder zur anderen Seite aus. Ein kühles, stark wechselhaftes Klima in Nord- und Nordwest-Europa verursacht Ernteausfälle und führt zur Völkerwanderung.

Um 1.000 nach Christus endet die kalte Periode. Wie eine Aufzeichnung im Staatsarchiv Nürnberg aus dem Sommer 1022 zeigt, konnte das warme Klima auch einmal zur Plage werden:

…dass viel Leut umb Nürnberg auff den Strassen vor grosser Hitz verschmachtet und ersticket, deßgleichen sind auch alla Früchte auff den Feldern, Gärten und Wiesen auch Ackern verdorret und verbrenet, auch sein viel Brunen Flüsse Weyher und Bäche vertrocknet und versieget, wie dann umb Nürnberg alle Bäche und Weyher biß auff fünff vertrocknet und und zwey Brunen vor grosser Hiz versieget, dardurch grosser mangel am Wasser entstanden ist.
Zitiert nach: Rüdiger Glaser, Klimageschichte Mitteleuropas, 2001; S. 61

Professor Rüdiger Glaser ist Geograph in Heidelberg mit dem Schwerpunkt der historischen Klimatologie. Sein Buch "Klimageschichte Mitteleuropas" analysiert das Wettergeschehen der letzten eintausend Jahre. Seinen Arbeitsplatz findet er in Archiven, in denen er historische Quellen auswertet: in edel möblierten Bibliotheksräumen, düsteren Kellergewölbe, ungeheizten Turmzimmern mit zugigen Fenstern oder auch in hochherrschaftlichen Hallen, erzählt er. Bei seiner Forschung stößt er schon mal auf missmutige Archivare, die ihre Archive als eine Art persönlichen Besitz ansahen, aber auch auf Bibliotheksleiter, die sich voller Elan auf die neue Kundschaft stürzen.

Die historische Klimatologie beschäftigt sich mit dem Klimaablauf in historischer Zeit und basiert auf schriftlichen Aufzeichnungen, die Rüdiger Glaser in den Archiven Jahre lang studiert hat. In den Archiven finden sich schriftliche Hinweise auf Witterungsextreme, auf Stürme, Hochwässer, auf den Beginn der Weinblüte, auf die Ente des Weins oder des Getreides. Aus diesen Angaben kann Rüdiger Glaser herleiten, welche Temperaturen damals geherrscht haben müssen. Die historischen Klimaforscher haben für das Mittelalter berechnet, dass die Temperaturen ein bis zwei Grad über den heutigen Durchschnittswerten liegen. Allerdings werden bei den Berechnungen auch sogenannte Naturarchive herangezogen: beispielsweise Wachstumsringe im Holz, Seesedimente und Pollenanalyse. Mit Hilfe der aus diesen naturwissenschaftlichen Quellen gewonnenen Daten eicht Rüdiger Glaser sozusagen die Beschreibungen in den historischen Quellen.

Überdurchschnittliche Temperaturen führen zu kulturellem Fortschritt - diese Erkenntnis gilt auch für das Mittelalter: Die Anbaugrenzen in den deutschen Mittelgebirgen sind 200 Meter höher als heute. Die Kulturlandschaft erfährt ihre bisher größte Ausdehnung, der Anteil des Waldes geht in 300 Jahren von drei Viertel auf ein Fünftel der Fläche zurück. Zahlreiche Siedlungen werden neu gegründet, was sich heutzutage in vielen Stadtjubiläen widerspiegelt. Große Städte mit Handel und Gewerbe, mit Dienstleistung und Ständewesen können sich entwickeln, weil sie vom Umland sicher versorgt werden. Unter dem günstigen Klima gedeiht eine ergiebige Landwirtschaft, die mehr erwirtschaftet, als zum Leben direkt notwendig ist. Auf dieser Grundlage entsteht neuer Wohlstand, auch wenn nicht alle in gleichem Maße von diesem profitieren. Die aufwändige Architektur der Gotik ist für diese mittelalterliche Entwicklung ein deutliches Sinnbild. Ziemlich abrupt endet aber diese Blüte.

Im Jahre des Herrn 1342, am zwölften Tage vor den Kalenden des August, das war am Sonntag vor Jacobi, schwoll der Main so stark an wie nie zuvor, dass er oberhalb der Stufen des Würzburger Doms und darüber hinaus die ersten steinernen Statuen umspülte. Die Brücke mit ihren Türmen, die Mauern und viele steinerne Häuser in Würzburg stürzten zusammen. In diesem Jahr gab es eine ähnliche Überschwemmung in ganz Deutschland und anderen Gebieten. Und dieses Haus wurde durch Meister Michael von Würzburg erbaut.
Zitiert nach: Rüdiger Glaser, Klimageschichte Mitteleuropas, 2001; S. 200

In acht Tagen fällt damals ungefähr die Hälfte des sonst üblichen Jahresmenge an Niederschlag, alle Brücken zerreißen, alle Mühlen werden zerstört, die mit Weinreben bestellten Hänge kommen ins Rutschen, fruchtbarer Ackerboden wird weggespült. Das Katastrophenwetter terrorisiert in diesem Jahr die Menschen allerorts. Überschwemmungen, wie wir sie beim Oderhochwasser 1997 erlebt haben, suchen ganz Mitteleuropa heim. Die Jahrtausendflut schwemmt so viel fruchtbaren Boden fort, wie bei normalen Wetterbedingungen in einem Zeitraum von 2000 Jahren verloren geht.

Das ist der Beginn einer neuen Epoche, um 1350 herum beginnt sich das Klimasystem offenbar umzustellen, es kippt regelrecht, es kommt zu starken Hochwässern, die Menschen sind geschwächt, weil auch die Ernten relativ schlecht sind, durch zu feuchte Witterungsverhältnisse kann das Getreide nicht optimal ausreifen, es verfaulen die Getreidevorräte in den Zehentscheuern. Hungersnöte und Pest raffen in den kommenden Jahren fast die Hälfte der Bevölkerung dahin. Mitteleuropa erlebt einen zivilisatorischen Rückfall mit Aberglauben, Hexenverfolgung und Judenpogromen. Viele Menschen wandern in die Neue Welt aus.

Mit dem Jahr 1.850 kommt diese krisengeschüttelte Epoche, auch unter dem Namen "Kleine Eiszeit" bekannt, zu ihrem Ende. Es wird seitdem wieder wärmer, die Tendenz hält bis heute an. Diese Umkehr ist zunächst einmal natürlichen Ursprungs. Aber auch der Mensch dreht seit dem Beginn der Industrialisierung an der Klimaschraube. Ein Gedanke drängt sich auf: Wärmere Zeiten waren in der Vergangenheit immer Zeiten des kulturellen Fortschritts. Wie verträgt sich das mit den Kassandra-Rufen, mit den Warnungen vor den Folgen der heutigen Klimaerwärmung? Könnten höhere Temperaturen nicht ein neues Goldenes Zeitalter einläuten?

Rüdiger Glaser glaubt an kein neues Goldenes Zeitalter. Weil man nicht wissen kann, in welcher Dimension sich das Klimasystem entwickelt. Das Klima kann auch kippen und plötzlich Zustände herbeiführen, die wir gesellschaftlich nicht mehr bewältigen können. Wir müssen daran interessiert sein, das Klimasystem so aufrecht zu erhalten, wie wir es über 150 Jahre gewohnt sind, meint der Geograph. In unserer übervölkerten Welt mit unseren empfindlichen Infrastrukturen bedeutet zusätzliche Erwärmung nur zusätzliches Risiko. Mit der Klimaerwärmung wird das Goldene Zeitalter wohl sicher nicht zu uns zurückkehren.


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