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Eine Auswahl von Themen der vergangenen 15 Jahre:

Die Gefahr durch Bombenblindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg wächst: 

Bombenalarm

(2010)

Immer noch ruhen Bombenblindgänger zu Tausenden im Boden, unentdeckt, 65 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Gefahr, dass eine Bombe unkontrolliert explodiert, nimmt mit den Jahren zu. 

 

Vom Kölner Rheinufer weht der Wind und lässt das rot-weiße Absperrband lebhaft flattern, das quer über die Straße von Haus zu Haus gespannt ist. Am Rheinufer im Stadtteil Riehl soll eine 20-Zentner-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft werden. Mehrere Tausend Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen, ein Seniorenzentrum wurde evakuiert, der Zoo ist geschlossen. Sogar der Flugverkehr ist betroffen: die Maschinen müssen die Sperrzone in mindestens zwei Kilometern Höhe überfliegen. Streifenwagen der Polizei kontrollieren die gesperrten Stadtgebiete, die Häuser sind geräumt, die Straßen leer.

Wie in Köln stößt man in vielen Städten regelmäßig auf Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg, die der Kampfmittelräumdienst dann entschärfen muss. Wenn sich die Bombe nicht am Fundort unschädlich machen lässt, muss sie auf einen Spezial-Lkw geladen werden, damit die gefährliche Fracht außerhalb der Stadt gesprengt werden kann. In Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet, Köln oder Berlin müssen immer wieder Fliegerbomben entschärft werden, bundesweit sind es über fünftausend pro Jahr.

Besonders betroffen ist die Stadt Oranienburg nördlich von Berlin. Hier wurden im Zweiten Weltkrieg über 10.000 Bomben auf ausgewählte Ziele der Rüstungsindustrie abgeworfen. Die Kleinstadt an der Havel lockt viele Touristen an „mit ihrer reizvollen Lage“, mit ihren „Sehenswürdigkeiten wie dem ältesten Barockschloss der Mark Brandenburg“. Ihr Werbeslogan: „Stadt Oranienburg ist anders.“ Anders als in anderen Städten ist auch die Situation der Bomben-Altlasten. Nach einem Gutachten lagern hier noch über 300 Bombenblindgänger im Erdboden. Seit 1991 hat der Kampfmittelbeseitigungsdienst im Schnitt sieben Bomben pro Jahr geborgen. Die Einwohner Oranienburgs scheinen sich an Bombenentschärfungen und Evakuierungen gewöhnt zu haben und regen sich nicht mehr großartig auf, wenn wieder Lautsprecherwagen von Feuerwehr oder Polizei die Entschärfung einer Weltkriegsbombe ankündigen. Sie müssen mit den Altlasten leben und bei jedem neuen Bombenfund ihre Wohnungen für einen Tag verlassen, oder auch für länger.

Mitunter gehen solche im Erdreich verborgenen Blindgänger spontan hoch: Fünf Bomben sind so seit 1977 plötzlich detoniert und verletzten drei Menschen. Es grenzt an ein Wunder, dass nicht mehr passiert ist. In einem Gutachten aus dem Jahre 2008 fordert Kampfmittelexperte Wolfgang Spyra, umfangreiche Räumungsmaßnahmen zu beginnen. Es sei jederzeit mit der Detonation eines Bombenblindgängers zu rechnen. Wolfgang Spyra ist Professor an der Technischen Universität Cottbus und gilt als einer der besten Kenner der Materie. Er rechnet für Oranienburg mit einer Zahl von 326 Bombenblindgängern. Aber diese hohe Zahl allein ist nicht das einzig Brisante. Schließlich gibt es in Deutschland auch andere Städte wie Berlin, Dresden, Hamburg oder Köln, die große Mengen an Zerstörung durch Luftangriffe erlitten haben. Was die Situation in Oranienburg besonders gefährlich macht, ist die hohe Zahl an Bomben mit chemischen Langzeitzünden. Diese Zünder waren so eingestellt, dass die Bombe sich in den Boden grub, ohne zu explodieren – wie ein normaler Blindgänger. Erst nach mehreren Stunden oder Tagen ging die Bombe dann schließlich hoch. Eine perfide Kriegstechnik, die den Feind verunsichern sollte.

Aber die damals eingesetzten chemischen Zeitzünder waren höchst unzuverlässig: Bis zu 15 Prozent davon funktionierten nicht. Oranienburg ist voll von solchen Langzeitzünder-Blindgängern. Und die Gefahr ist heute, über sechzig Jahre nach Kriegsende noch nicht vorbei.

Die hohe Zahl an Blindgängern in Oranienburg hat folgenden Grund: Am 15. März 1945 flogen 675 B-17 Bomber der US-Luftwaffe über die Stadt. Hauptangriffsziel waren die Auerwerke direkt neben dem Bahnhofsgelände. Dort vermutete der amerikanische Geheimdienst eine Uran-Forschungsanlage. Außerdem stand der Einmarsch der russischen Truppen unmittelbar bevor, und die USA wollten verhindern, dass der Sowjetunion die Forschungsergebnisse aus den Auerwerken in die Hände fielen. So warf die US-Luftwaffe über 4000 Bomben ab - ausschließlich Bomben mit chemischen Langzeitzündern.

Solch ein Zünder war so konstruiert, dass beim Aufprall der Bombe eine Ampulle mit Aceton zerbrach. Dieses Lösemittel begann, einen Ring aus Zelluloid zu zersetzten, der einen Schlagbolzen festhielt. Wenn sich dieser Ring schließlich nach vielen Stunden aufgelöst hatte, schnellte der federgespannte Schlagbolzen auf das Zündhütchen und die Bombe explodierte.

In vielen Fällen versagte dieser Mechanismus jedoch seinen Dienst und die Glasampulle blieb heil. Zahlreiche solcher Blindgänger gefährden bis heute Leib und Leben: Denn auch ohne den Einfluss des Acetons zersetzt sich der Zelluloidring mit den Jahren. Und je länger solche Fliegerbomben mit chemischem Langzeitzünder im Erdreich begraben liegen, desto gefährlicher werden sie. Das hat sich trauriger Weise in Göttingen bestätigt, als am 1. Juni 2010 drei Sprengstoff-Experten bei der Explosion einer Fliegerbombe mit chemischem Langzeitzünder ums Leben kamen. Bomben mit dem gleichen Zünder liegen noch hundertfach in Oranienburgs Erdboden. Deshalb sei in diesem Gebiet das Risiko von Selbstdetonationen besonders hoch, warnt Wolfgang Spyra. Bei zahlreichen entschärften Bomben hat sich auch gezeigt, dass die Zünder teilweise funktionstüchtig und zudem in einem sehr kritischen Zustand sind.

Die Zeit drängt. Das Gutachten unterteilt Oranienburg in zehn Gefahrenklassen, die eine Prioritätenliste bilden: Nach dieser organisiert der Landkreis die Bombensuche. Zahlreiche Grundstücke sind mittlerweile aus dem Kampfmittelverdacht entlassen, aber viele sind noch gar nicht erkundet. Außerdem haben die Kampfmittel-Experten zu DDR-Zeiten das Erdreich nur bis zu einer Tiefe von zweieinhalb Metern untersucht. Heute ist das technisch bis zu einer Tiefe von acht Metern möglich. Das bedeutet, dass manche Flächen noch einmal neu überprüft werden müssen.

Dabei helfen historische Luftbildaufnahmen. Die Royal Airforce und der US Army Air Force hatten im Krieg zur Aufklärung die bombardierten Gebiete aus dem Flugzeug fotografiert. Dieses Bildmaterial wurde erst in den 80er Jahren freigegeben. Ausgewertet werden Luftaufklärungsfotos in Wünsdorf, etwa 40 Kilometer südlich von Berlin. Der Ort war früher Militärstützpunkt und ist heute Verwaltungsstandort und Sitz des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Brandenburg. Auf den Aufklärungsfotos kann man zwischen den Trichtern einzelne kleinere Einschläge ausmachen: dort sind Bomben in den Boden eingedrungen, ohne zu explodieren. An diesen Stellen müssen Blindgänger vermutet werden.

Viele Gebiete, die auf den Luftbildaufnahmen noch als freie Fläche, als Wiesen und Äcker erscheinen, wurden später überbaut, dort stehen heute Schulen und Wohnhäuser. Solche Verdachtsfläche müssen näher untersucht werden, um Blindgänger zu finden und diese zu entschärfen. Dazu bringt der Kampfmittelbeseitigungsdienst schrittweise Bohrungen nieder und misst mit Sonden das Erdmagnetfeld. Blindgänger verraten sich durch die Störung von Feldlinien.

Die Luftbildauswertung allein kann lediglich zwei von drei Bombenblindgängern identifizieren. Deshalb hält es Kampfmittel-Experte Wolfgang Spyra für notwendig, in Oranienburg auch solche Flächen zu untersuchen, bei denen die Luftbildauswertung keinen unmittelbaren Verdacht lieferte.
Finden die Kampfmittelbeseitiger am Ort dann tatsächlich einen Blindgänger, jagen sie ihn am liebsten in die Luft, weil das die ungefährlichste Methode ist. Aber die Druckwelle könnte auch den Langzeitzünder eines benachbarten Blindgängers scharf machen und die Detonation dieser benachbarten Bombe auslösen. Wenn also weitere Bomben in der Nähe vermutet werden oder auch wenn die Detonation Gebäude beschädigen könnte, muss der Blindgänger entschärft werden. Die Sprengmeister setzen heute ferngesteuerte Roboter ein, die mit einem Wasserstrahlschneidgerät den Zünder von der Bombe abtrennen. Auch diese Methode kann schiefgehen. In Göttingen sollte 2010 ein solcher Roboter eingesetzt werden. Aber die Bombe ging vorher hoch und tötete drei Kampfmittelspezialisten.

Auch Busse oder schwere Lkw verursachen Erschütterungen, die marode Zeitzünder im Untergrund auslösen können. Aus diesem Grund wurden in Oranienburg mehrere Buslinien umgeleitet.

„Eine Stadt blüht auf“ – so warb Oranienburg für seine Landesgartenschau. Es lohne sich, Oranienburg kennenzulernen. Dabei gehe es um „Vergnügliches und Erbauliches“, aber auch um die Auseinandersetzung mit der wechselvollen Geschichte der Stadt. Besucher können sich jedenfalls in Oranienburg sicher fühlen, meint Vizebürgermeisterin Kerstin Faßmann. Man habe die gesamten Flächen rund ums Landesgartenschaugelände im Umkreis von 500 Metern genauestens untersucht und freigegeben, so dass Gäste sicher sein können, Oranienburg wieder unbeschadet zu verlassen.

Aber auch zu Hause sind sie dann vor Bombenalarm nicht sicher. Denn in Köln, Hamburg, Berlin oder im Ruhrgebiet und in anderen Städten ruhen noch zahlreiche Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg im Erdreich. In Köln gelang den Kampfmittelexperten in den frühen Abendstunden die Entschärfung der 20-Zentnerbombe, so dass die Stadt die Evakuierung der betroffenen Stadtteile aufhob. Die Menschen konnten nun wieder zurück in ihre Wohnungen gehen. Aber das ungute Gefühl bleibt, dass im Untergrund noch weitere unentdeckten Blindgänger schlummern. Wie viele das bundesweit genau sind, kann niemand zu sagen. Aber eins ist gewiss: die Gefahr nimmt mit den Jahren nicht ab, sondern sie nimmt zu.


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