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Eine Auswahl von Themen der vergangenen 15 Jahre:

Erfolgsrezepte in der Popmusik

Mit vier Akkorden zum Welthit

(2014)

1954 – vor 60 Jahren - landeten Bill Haley & His Comets mit „Rock Around the Clock“ einen der erfolgreichsten Rocksongs aller Zeiten. Es ist die Geburtsstunde des Rock 'n' Roll und der Popmusik. Heute ist Popmusik immer und überall verfügbar. Aber was macht einen Song zu einem Hit? Welche Bedingungen führen dazu, dass sich ein Titel millionenfach verkauft?

Der Musikwissenschaftler Dr. Volkmar Kramarz lehrt Musikwissenschaft an der Universität Bonn mit dem Forschungsschwerpunkt Popularmusik. Er ist nicht nur Theoretiker, sondern auch aktiver Rockgitarrist und Autor zahlreicher Songbooks sowie Lehr- und Sachbücher. Er hat untersucht, wie ein Hit aufgebaut sein muss und meint, den Code gefunden zu haben, aus dem Hits gemacht werden. Bestimmte Akkordfolgen empfinden Menschen nach seinen Untersuchungen als besonders angenehm: „Es ist interessant zu sehen, dass wir ganz offenkundig biologisch für bestimmte tonale Kombinationen programmiert sind und diese besonders gern mögen und besonders toll finden.“

Volkmar Kramarz hat die weltweit erfolgreichsten Popmusik-Songs der Jahre 2007 bis 2012 nach Harmoniemustern untersucht, ergänzt durch Hit-Beispiele aus 2013 und 2014. Als Kennzeichen für Hits erwiesen sich ganz bestimmte Dur-Moll-Akkordfolgen, die er als Pop-Formeln bezeichnet. Abweichungen von diesen Harrmonie-Konstruktionen führen meist zum Misserfolg. Außerdem hat er 83 Versuchspersonen befragt und nachgewiesen, dass die Hörer die Pop-Formeln besonders lieben.

Globale Konstanten

Auch wenn es unter den verschiedenen Kulturen der Welt in der Musik beträchtliche Unterschiede gibt, so findet Volkmar Kramarz globale Konstanten im Musikempfinden. „Zwar gibt es sehr viele andere Musikkulturen, die mit Dritteltönen oder was auch immer in ihren Tonleitern arbeiten. Aber offenkundig ist es so, dass mit Einführung des Dur-Moll-Systems im Westen irgendwann ab dem 17. Jahrhundert ein Kulturschlager geschaffen wurde, der die gesamte Welt beeindruckt hat.“ Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat sich die Unterhaltungsmusik dieser Dur-Moll-Harmonik in einfachster Form bemächtigt und wurde weltweit zum Erfolgsschlager.

Das Grundprinzip der Dur-Moll-Harmonie ist allerdings lange bekannt. Immer geht es darum, eine musikalische Spannung aufzubauen, und eine Entspannung folgen zu lassen. Zum Beispiel durch drei Akkorde, die alle Töne einer Tonart beinhalten und einem vierten Akkord in der Paralleltonart zur Grundtonart. Dabei ist die Paralleltonart üblicherweise Moll, wenn die Grundtonart Dur ist. Hört man sich den Kanon in D-Dur des Barockkomponisten Johann Pachelbel an, dann hat das schon was von einem Popsong, auch wenn das Stück vor dreihundert Jahre geschrieben wurde.

z.B. Youtube: Pachelbel - Canon in D

Pop-Formeln

Auf diesen harmonischen Grundstrukturen beruhen Volkmar Kramarz' Pop-Formeln. Am erfolgreichsten sind dabei drei Schemata. Das erste mit dem Namen "Turnaround" stammt aus den 50er Jahren: Drei Dur-Akkorde verbunden mit ihrer Moll-Tonika-Parallele bilden ein Schema, das man deshalb „Turnaround“ nennt, weil man die Akkordfolge endlos wiederholen kann. Dieses Vier-Akkord-Schema hat sich seit den 50er Jahren unglaublich schnell verbreitet. Alle traurigen, langsamen Songs basieren auf dieser Pop-Formel: etwa C‑Dur – A-Moll – F-Dur und G-Dur.

z.B. Youtube: Pete Seeger - Where have all the flowers gone?

 So eine Akkordfolge ist natürlich in jede andere Tonart transponierbar. Seit den 70er Jahren ist auch ein anderes Schema erfolgreich: die sogenannte Moll-Pop-Formel – auch Pop-Kadenz genannt. Dieselben Akkorde wie beim Turnaround, aber in anderer Reihenfolge: A-Moll – F-Dur - C-Dur – und G-Dur.

z.B. Youtube: Joan Osborne - What If God Was One Of Us

Besonders erfolgreich waren auch Songs mit einer dritten Akkordfolge, der Four-Chord-Formel: C-Dur – G-Dur - A-Moll und – F-Dur:

z.B. Youtube: Bob Marley - No Woman No Cry

Die genannten Akkordfolgen empfinden Menschen als angenehm: An der Medizinische Klinik der Universität Bonn konnte Volkmar Kramarz zusammen mit seinen Kollegen an 50 Versuchspersonen durch Magnetresonanztomographie nachweisen, dass beim Hören der Pop-Formeln die Hirnregionen für Wohlgefallen und Euphorie aktiviert werden und bei anderen Akkordfolgen nicht.

Welch große Welterfolge Songs mit solchen Harmonien erzielen, zeigt die australische Comedy-Band „Axis of Awesome“ mit in ihrem Song „Four Chords“. Immer dieselben vier Akkorde hintereinander liefern die Struktur für unzählige Hits:


Axis of Awesome: 4 Chords - Official Music Video (Youtube)

Weitere Pop-Regeln

Die Regel für einen Hit lautet also: folge einer der drei Pop-Formeln. Aber reicht das schon allein? Nur vier Akkorde und schon ein Hit? Natürlich nicht, sagt Volkmar Kramarz. Die Pop-Formeln sind eine notwendige Bedingung. Aber die Akkordfolgen müssen durch Gesang und Musikinstrumente erst zum Klingen gebracht werden. Deshalb kommen zusätzliche Faktoren für den Erfolg hinzu: Erstens: guter Gesang. Ein Sänger, der den Ton nicht trifft, würde sich lächerlich machen. Zweitens: Authentizität und Ausstrahlung. dem Sänger oder der Band muss man es abnehmen, dass sie ihre Musik ernst meinen. Drittens: Stilistische Geschlossenheit. Ob Rap, HipHop, Trip-Hop, R'n'B, Funk, Metal, Punk, Techno oder Drum'n'Bass: der Song muss zur Zielgruppe passen. Eine Grunge-Band mit Streichern zum Beispiel oder eine Folk-Formation mit Turntables bedeutet ein unkalkulierbares Risiko für einen Hit-Erfolg. Und der vierte wichtige Faktor: eine hervorragende Studioproduktion. Wer einen Hit landen will, muss die beste Tontechnik einsetzen.

Studioproduktion

Wie eine professionelle Studioproduktion aussieht, zeigt Dieter Falk in seinem Düsseldorfer Tonstudio. Der Produzent, Komponist und Pianist ist Gastprofessor für Musikproduktion und Pop-Piano an der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf. Er arbeitete unter anderen als Produzent für PUR, Paul Young, Patricia Kaas, Roger Chapman und Brings.

An einer eigenen Produktion des recht bekannten Hits von Umberto Tozzi „Gente di Mare“ in einer Neuaufnahme im Duett mit Albano Carrisi verdeutlicht Dieter Falk, worum es geht: Insgesamt liegen 100 beteiligte Tonspuren liegen auf dem Rechner, die auf dem Monitor grafisch abgebildet sind. Dieter Falk bearbeitet die Aufnahmen mit einem virtuellen Mischpult, das auf dem Bildschirm zu sehen ist und über Maus und Tastatur bedient wird. 100 Spuren: das heißt 100 Aufnahmen von Klavier, Schlagzeug, Bass, Chor, Orchester und so weiter. „Da ist das Babelsberger Filmorchester, nur die Streicher, die im Intro spielen. Dann käme das Klavier dazu, und so baut sich dann Spur für Spur auf.“ Dieter Falk mischt den Gesang von Umberto Tozzi ein, der in einem kleinen Tonstudio in Italien aufgenommen worden ist. Das klingt in seiner puristischen Urform erst mal ziemlich trocken. So würde die Stimme mit allen anderen Instrumenten nicht harmonieren. Deshalb fügt der Produzent ein bisschen Hall dazu, und ein bisschen Echo, um die Stimme in den Sound des Orchesters einzupassen.

Dieter Falks Kollege Werner Roth ist Professor für Musikproduktion an der Robert Schumann Hochschule, und zwar Tonmeister und Spezialist für den Sound. Er hat für Künstler produziert wie Lenny Kravitz, Alanis Morissette, Metallica, Guano Apes, BAP, Die Fantastischen Vier und für viele andere. In der Popmusik kommt dem Sound eine ganz besondere Bedeutung zu, anderes als das in der E-Musik der Fall ist. Wenn auch die Harmonik eines Popsongs einigermaßen simpel ist, der Sound ist es ganz und gar nicht. Wer einen Hit produzieren will, muss diesem Gesichtspunkt allergrößte Bedeutung beimessen, betont Werner Roth: „Ein Hit braucht im Sound einen unverwechselbaren Fingerabdruck. Jeder kennt das Phänomen: man swicht in einem alten Radio von einem Sender zum anderen, man scollt so durch, und dann hört man etwa eine viertel Sekunde eines Titels, und sagt sofort: das war doch 'Let it be'? Wie ist das möglich, dass ich in ner viertel Sekunde erkenne, was für'n Titel das ist? Beim Pop muss der Sound selber so signifikant gestaltet sein, dass genau das gelingt.“

Ein Hit ist ein Cocktail mit vielen Zutaten: Die Harmonik muss sich an die Pop-Formeln halten, man braucht eine gute Gesangsstimme, Ausstrahlung, Stil und die beste Studioproduktion. Und dann ist nicht zu vergessen das Marketing: das passende Video muss produziert werden, man muss die richtigen geschäftlichen Connections haben, Beziehungen zu Radiosendern, dazu kommen Interviews in den Medien und so weiter. Und zu allerletzt reicht auch das noch nicht. Was am Ende noch hinzukommen muss ist einfach – Glück.


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