“Das Leben ist wert, gelebt zu werden, sagt die Kunst, die schönste Verführerin; das Leben ist wert, erkannt zu werden, sagt die  Wissenschaft.“ (Friedrich Nietzsche)

 

 

 

Was folgt auf die Corona-Krise?
16.04.2020

Eine Krise wie derzeit die der Corona-Pandemie treibt die Politik zum Handeln. Staatliche Maßnahmen zur Kontrolle und Lenkung der Menschen scheinen gerechtfertigt. Oft nutzen herrschende Politiker Krisen für sich und schränken gerne mal einige hart erkämpfte demokratische Rechte ein. Da wird ein Notstand zum Anlass genommen, eine autoritäre Herrschaft zu errichten, wie gerade in Ungarn und Polen zu besichtigen ist. Wenn Menschen durch die Krise eingeschüchtert sind und nicht mehr zu protestieren wagen, kann eine autoritäre Politik leichter umgesetzt werden. Krisen boten außerdem oftmals Gelegenheit, eine neoliberale Wirtschaftspolitik zu installieren. Der Soziologe Wilhelm Heitmeyer befürchtet nach der jetzigen Corona-Krise ein brutales Aufholrennen für verpasste Renditen; und dass der globale Finanzkapitalismus seine Interessen durchsetzen wird gegen die Interessen der Gesellschaft und derjenigen, die in der Krise noch als Helden gefeiert wurden: Rettungskräfte, Krankenpflegerinnen, Supermarkt-Mitarbeiter, Lkw-Fahrer, Erzieherinnen. Wenn dann das Klatschen auf den Balkonen verklungen ist, könnten Staaten damit beginnen, demokratische Rechte einzuschränken und autoritäre Strukturen festzuzurren. Peter Sloterdijk meint sogar, das westliche System werde sich als genauso autoritär wie das chinesische entpuppen.

Corona-Krise als Schock-Strategie

Das Ausnutzen einer Krise für einen politischen Umsturz nennt die kanadische Journalistin Naomi Klein "Schock-Strategie" (Shock Doctrine). So wurde nach der Finanzkrise von 2008 den südeuropäischen Ländern eine neoliberalen Austeritätspolitik aufgedrückt. Die aus dieser Politik folgenden Einsparungen im Gesundheitssystem haben in Italien und Spanien gegenwärtig die Überbelastung der Krankenhäuser und die schlechte Bewältigung der heutigen Corona-Krise verursacht.

Corona-Krise als Chance

Es könnte aber ebenso umgekehrt kommen. Für Naomi Klein bedeutet eine Krise auch Möglichkeiten, die Gesellschaft in eine demokratischere und sozialere Richtung zu bewegen. Heute seien die westlichen Gesellschaften in einer besseren Ausgangsposition als nach der Finanzkrise 2008. Seitdem hätten sich soziale Bewegungen entwickelt, die neue Instrumente des zivilen Ungehorsams entwickeln können. Vielleicht fangen die zuhause festsitzenden Menschen ja an nachzudenken, anstatt im Fernsehen blöde Shows und Filmchen zu schauen und entwickeln ein neues Gemeinschaftsgefühl.

Corona-Krise als Kapitalismus-Krise

Der Kapitalismus kann nur überleben, wenn er sich ändert. Und das macht er eigentlich sehr geschickt, solange es ihn gibt. Die Krise macht deutlich, wie das Gesundheitswesen durch Privatisierungen dem Profit geopfert wurden. Das Gesundheitssystem orientiert sich nicht mehr in erster Linie an den Bedürfnissen der Patienten, sondern an den wirtschaftlichen Interessen der Finanzinvestoren. Der Kapitalismus kann sich nur retten, wenn die Einsicht wächst, dass nicht alles dem Markt und dem Einfluss der Finanzinvestoren überlassen werden darf. Der Kapitalismus kann sich nur retten, wenn er bereit ist, sich selbst zu bescheiden, was zugegeben ein Widerspruch in sich ist. Zusätzlich ist in Europa mehr Zusammenarbeit notwendig, um schädliche Marktmechanismen zu überwinden. Nationalistischer Populismus, der nur einzelstaatliche Souveränität kennt, stößt in der Corona-Krise jedenfalls an seine Grenzen.

Corona-Krise als Lernprozess

Und vielleicht lernen wir im Corona-Alltag, dass vieles, was wir für so selbstverständlich hielten, auch ganz anders gehen kann. Dass sich digitale Kulturtechniken in der Praxis bewähren. Dass Videokonferenz und
Homeoffice zur Selbstverständlichkeit werden. Dass die globale Just-in-Time-Produktion, bei der Güter per Luft- und Seefracht von Kontinent zu Kontinent reisen, doch nicht immer so schlau ist. Dass Dinge auch wieder lokal hergestellt und in heimischen Depots bereitgehalten werden können. Dass es Sinn macht, Reserven vorzuhalten. Vielleicht entdecken wir, wie angenehm es ist, ohne Lärm und Smog zu leben, und dass es möglich ist, den CO2-Ausstoß zu senken.